Vom Vergessen der Dinge

Brigitte wundert sich über diesen sonderbaren Tag. Ob es wohl am Schnee liegt, der sich mit dichten, weißen Wolken und frischen Eisgeruch angekündigt hatte, aber immer noch nicht gefallen ist? Er legt einen Eiszauber über ihre Gedanken.
Frustriert glaubt sie, es sei wohl die logische Konsequenz irdischer Entwicklung, dass die Jahreszeiten nicht mehr halten, was sie versprochen haben.
Im Schneegestöber vergangener Kindertage lässt sich nicht rodeln und aus Pulverschneevisionen kein Schneeball formen. Künstlich beleuchtete Eiszapfen an Dachrinnen hinterlassen einen falschen Geschmack auf der Zunge.
Im letzten Jahr hat sie mit Jens und Kai einen winzigen Schneemann modelliert.  Ein Hauch von Schnee lag damals über dem fahlen Gras im Vorgarten. Den hatten sie abgekratzt.
Die Jungs bestanden darauf, das Schneemännlein im Tiefkühlschrank einzufrieren. Sie gab nach und so konnte es seine erste Stunde erfolgreich überleben.
Wie kann sie ihren Enkeln erklären, was Eisblumen sind, und wie es sich anfühlt, wenn man in frostigen Räumen ohne Heizung mit der Wärmflasche unter das dicke Federbett schlüpft und von der Schneekönigin träumt? Und wie kann sie erzählen wie schwer es ihr als Kind gefallen ist, morgens aus dem Bett zu springen, wenn es so kalt ist,  dass selbst Wasser in der Waschschüssel auf der Kommode fast gefroren ist, aber  wie wunderbar belebend es prickelt und Gänsehaut verursacht, wenn man sich schließlich traut?
Grau und kalt ist die Landschaft heute, hat alle Farben eingebüßt, nur das unschuldige Weiß versagt sich der Stadt.
Brigitte sehnt sich nach dieser weißen Watteverpackung, die alle kreischenden Geräusche verschluckt und die Welt klein macht, die alles versteckt, Ecken und Kanten begradigt und rundet.
Wenn viel Schnee vom Himmel fällt, wird sie wie immer fasziniert am Fenster stehen, um der allmählichen Verwandlung der Landschaft zuschauen.
Am nächsten Morgen dann, bevor der städtische Verkehr boomt, wird alles glatt sein und auf der eisglänzenden Decke werden nur die fein ziselierten Spuren der Vögel zu sehen sein.
Kein Wunder, dass der Schnee ausbleibt, denkt Brigitte bei sich. Die Kinder kennen keine Märchen mehr und die Erwachsenen verloren die Erinnerung an die Schneekönigin im weißen Pelzmantel, die eine Kutsche mit sieben Schimmeln auf den Flügeln des Nordwindes in die Nacht hinein lenkt und dabei unzählige kristallklare Glöckchen läuten lässt.
Auch Frau Holle ist arbeitslos geworden, denn keine Marie lässt mehr die Spindel in den Brunnen fallen. Wer hört dem Flehen des Apfelbaumes zu:  „Rüttele mich und schüttele mich, meine Früchte sind schon längst reif.“  Und wer versteht die Sprache des Backofens noch, wenn das Brot fertig gebacken ist und vor dem Verbrennen gerettet werden möchte?

Die meisten Leute kaufen ihr Brot im Supermarkt.
Was man sich aber nicht mehr erzählt von Winter, Frost und Schnee, von den Märchen und der Magie, entschwindet aus dem Gedächtnis.  Es stirbt. Nur was erinnert wird lebt weiter.


Selbstbildnis 5

Die Stimme von einer Band, deren Namen ich nicht kenne, aber mein Mann, der ist aber gerade nicht da. Also kann ich ihn nicht fragen. (Ich hole das nach, versprochen!)
Er, mein Göttergatte, hörte die Musik heute Nachmittag, als ich von der Arbeit nach Hause kam und eine kreative Pause am Computer einlegte. Merkwürdige Musik für einen grauen, verregneten Nachmittag mitten im Sommer. Soweit ich mich erinnere, kommt die Stimme mitsamt der Band aus Island.Ich sah schon mal den dazugehörigen Film. Besonderheit: eine Gitarre, die mit einem Geigenbogen gespielt wird.
Spontan hatte ich folgende Assoziationen, die ich auch sogleich notierte, ja, es war mir ein echtes Bedürfnis, den Versuch zu unternehmen, mit Worten eine Stimme zu beschreiben:
Wie kalt es sein muss im Schneeköniginnenpalast. Gänsehaut! Die Stimme ist dünn und glassplitterklar. Von einem körperlosen Wesen könnte sie stammen. Stimme und Körper bringe ich nicht zusammen. Frost, der sich langsam auf allem Lebendigen ausbreitet, sich einbrennt, Lebensenergie saugt und konsequenterweise alles Lebendige zu verschlingen weiß. Die Stimme ist gespenstig, nicht von dieser Welt. Immer spitzer wird ihr Klang – Eiskristalle, Glassplitter, Elfenglöckchen mit einem Nachgang von sibirischen Schlittenhundengeläute – bis er nach und nach, es dauert eine Ewigkeit, erstirbt – und vor meinem inneren Auge ein Friedhof im Schnee mit verfallenen Holzkreuzen auftaucht. Die Totenglocken sind schon vor langer Zeit verklungen. Hier herrscht Totenstille und eine schmerzhafte Traurigkeit.
Ich frage mich, warum ich so fasziniert bin von dieser Stimme, diesen Klängen und der körperlosen Traurigkeit, die ich eher spüre als höre, frage mich, was berührt wird in mir, welche Seite da zum Klingen gezupft wird?
Ich weiß von meinem inneren Friedhof mit den verlassenen Gräbern, den ich nur ab und zu besuche, um nicht zu vergessen, dass ich aus Erde gemacht bin und zur Erde zurück kehren werde. Vielleicht liegt darin der Schlüssel zu meinem Berührtsein. Ich fühle mich hingezogen und abgestoßen zugleich.
das Album „Inni“ von Sigur Ros

MEINE FARBEN

Dreiklang aus Schwarz, Grau und Blau
dazu als Kontrast hier und da ein zierliches Bunt
Die frostigen Tage neigen sich
und der Himmel breitet sich aus in mir
nur einzelne Schneeflocken fallen noch von oben
winzige Eissterne, die gleich vergehen
Das Echo alter Lieder spiegelt sich darin
Aus Wintertagen nehme ich klare Strukturen mit
kahle Baumspitzen, gerade Feldfurchen, raureifgerahmt
unverschleierte Horizonte
und die Feuerfarben ausklingender Tage

22.1.2016

Der Frost beißt sich in die schneefreie Erde
Raureif formt bizarre Strukturen
Bin nicht vorbereitet auf den sibirischen Atem.
Kopfschmerzen!
An solchen Tagen sollte man Mützen tragen…
… und Handschuhe
Auf Feldern im Norden der Stadt tummeln sich Schafe.
Eine Riesenherde warmer, aneinander gekuschelter Leiber
Atemwolken schaffen Unschärfe.
Die kribbelnden Fingerspitzen sehnen sich danach
in warmes, wolliges Fell zu greifen
Die eisige Kälte macht wach, und ich spüre
wie lebendig ich bin.

20. Januar, am Morgen

Vertraut mir, der Baum im Feld
der Struktur zeigt in Wintertagen
Mein Freund der Baum
der ausharrt und sich fügt

Will ablegen, was Ballast ist
und mich versteckt
will zeigen, was und wer ich bin
mit kühlem Kopf schauen
und schweigend lauschen
Mich ducken unter dem Frost
und nach innen zurück ziehen
dorthin, wo ewige Rosengärten duften
und das Herz leise klopft
geduldig wartend
bis wieder wärmere Winde wehen

Zu den Sternen

Wölfin, wirst du bei mir bleiben, wenn die Sterne an Macht gewinnen, ich ihnen entgegen strebe und der Erde entfliehe? Dein warmes, wildes Fell soll mir Halt sein. Die Gedanken sind meine Flügel und die Fantasie schmückt mich mit bunten Federn. Das Herz ist der Motor und der Geist Antrieb und Motivation.
Wohin auch immer – weit, weit über den Horizont hinaus. Das Land hinter den Sternen wird mich Fülle erinnern lassen und mir die Rückseite des Mondes zeigen.

Die Sterne hatten wieder an Macht gewonnen, denn es war Winter und  der nächtliche Frost kleidete die Welt in Glitzern, ein blaues Glitzern, das dem Tag etwas Unwirkliches, etwas Unwirtliches verlieh und dennoch an Anziehungskraft stetig gewann. Immer schon hatte sie die Schwerkraft der Erde überwinden wollen, um den darüber liegenden unendlichen Raum erobern zu können.  Ein Frösteln wanderte über die Haut und die Sehnsucht nach einem warmen Fell, das nach wildem Tier roch und Wärme ausstrahlte, erinnerte sie daran, dass sie noch hier bleiben musste.
Den Traum hatte sie nicht vergessen. In ihm wanderte sie in einem sterbenden Wald über Schnee und Eis. Sie suchte etwas, jenseits dieser kalten Welt mit ihren todbringenden Gefahren. Als sie daran  fast verzweifelte, weil sie glaubte, sich verirrt zu haben, da war die weiße Wölfin neben ihr an der rechten Seite und leitete sie auf den richtigen Weg zurück. Und ein schwarzer Rabe flog auf ihre linke Schulter und krächzte ihr Mut zu.
Es war nur ein Traum, aber einer, der so dicht und lebendig war, dass sie die Tiere intensiv bei sich spürte, das Gewicht des Raben auf der Schulter wahrnahm. Eine Feder kitzelte ihr Ohr. Und der Wolf ging so dicht neben ihr, dass sie seine Wärme spürte und den Raubtiergeruch in der Nase hatte. Kleine Atemwolken entließen Mund und Schnauze. Gleichzeitig wusste sie, dass diese Tiere ihre Kameraden waren, nicht ihre Feinde, die immer dann da sein würden, wenn sie ihrer Hilfe bedurfte. Wie jetzt.
So rief sie nach ihnen, sang das Wolfslied, rollte tiefe Töne aus ihrer Kehle heraus, zischte in den Wind und summte ein Wiegenlied in den Tag. Und da waren sie. Lichte Gesellen, die sie auf die Erde zurück holten und den hinauseilenden, flüchtenden Gedanken, mit denen sie davon stieben wollte, Einhalt geboten.
Jetzt war Jetzt, jede Sekunde eine Herausforderung, die sie annehmen konnte, was auch immer der Tag in seiner eisigen Schönheit noch bringen würde. Die Sterne würden warten müssen, denn die Zeit war noch nicht reif.