Wurzeln 11

„Ich bin beschämt,“ denkt Marie, und so fühlt sie sich auch. Der Kopf hat sich gesenkt, und die Kehle ist wie zugeschnürt „stehen bleiben soll ich, nicht weiter gehen, verwurzeln wie ein Baum, genau an diesem Platz.“
Etwas hält sie fest und lässt sie nicht los- Hat sie vielleicht schon Wurzeln gezogen? Fremd ist das alles! Flügel wären ihr lieber gewesen.
„Marie, bleib stehen!“ schreien die Stimmen in ihrem Ohr.
Marie ist gerannt und gerannt – immer, fast ihr ganzes Leben lang – jetzt muss sie stehen bleiben. Kein Rausch, mit dem sie vorbei fliegt, keine Fluchten in andere Räume, nicht ständig diese Eigenbewegung.
Jetzt kreist es um sie, fließt an ihr vorbei, lässt sie zurück, bewegt sich von ihr fort.
Was lernt Marie?
„Die Dinge bewegen sich auch ohne mein Zutun.“
Marie packt nicht zu, nimmt die Dinge nicht in die Hand, lenkt nicht, greift nicht nach etwas.
Beschämt steht sie da, nutzlos scheinen ihr die Hände, die nicht mehr wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Und schwer werden die Beine, die Wurzeln treiben.
Leer! Aber in welche Tiefen graben sich die Wurzeln?
Marie fürchtet Abgründe. Vielleicht ist sie ja deshalb immer unterwegs gewesen. Von Ort zu Ort; von Ziel zu Ziel.
Schwer fällt es ihr, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun, nichts anzupacken, nichts neu zu beginnen. Bleiben und Ausharren!
Die Wurzeln halten sie fest. Um ihre Achse dreht sich die Welt.
Sie steht und steht, vergisst Minuten, Stunden, Tage.
Der Kopf wird leer. Ein weißer Raum, lichtgefüllt.
Sie hat losgelassen.
Was sie verwundert noch dachte im letzten Aufbegehren:
„Innen wie außen gleich, es bewegt mich.“
Die Reise ist noch nicht zu Ende.

2. Schreibprojekt „Zwischen zwei Ablenkungen…“

Theo empfängt

Nach dem ich am Montag diese wundervolle Karte aus dem neuen Kartendeck gezogen habe, beschloss ich gestern, dass Theo eine ganze Woche bei mir bleiben darf, um mich zu inspirieren.

Theo, du rosiges Bübchen, deine Welt ist dem Frühling nah.
Fantasie entwickeln, Unzerlesenes von vorne verstehen.
Die Sprache des Herzens sprechen heißt Verstehen von Grund auf.
Von Herz zu Herz schwirren liebevolle Botschaften ohne Worte
so wie zu Beginn, als die Welt nur Klang war.

Theo hat mich empfangen, neutral und offen.
Er hat gewartet, nicht gewertet und nach innen geschaut
bis von mir in ihm ein Bild entstand von dem
was ich sein könnte und noch nicht bin.

Auch ich lausche nach innen:
es ist still, alles wartet.
Siehst du mich Theo?
Und haben inneres und äußeres Bild Ähnlichkeit miteinander?
Du bist schon aus deinem Kokon geschlüpft.
Deine Flügel sind getrocknet und flugbereit,
zeigen sich in ihrer ganzen Pracht.
Licht bist du und sanft.
Etwas Kindliches liegt in deinem Gesicht.
Aus der Stille wächst alles empor, wenn die Zeit reif ist
und die Leere innen Platz gemacht hat,
damit wachsen kann was wachsen möchte.
Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Bohne, die keimt
und sich auf ihrem grünen Stängel nach oben schlängelt.
Immer weiter und weiter bis sie den Himmel berührt
und zur Leiter wird auf der ich empor klettern kann.
Ich hoffe, der Empfang wird gut sein da oben.
Ich möchte gerne lauschen und horchen und lernen
wie ich neben den Bohnen
auch Sanftmut und Friedlichkeit in die Welt säen kann.

Herz-Notes(2)

Weißt du , ich trage seit Tagen eine Vision vor meinem inneren Auge spazieren. Ich sehe ein Fenster. Seine Flügel öffnen sich nach außen. Ich stoße sie ohne Kampf auf, um in das Wesen der Dinge vorzudringen, um sie besser zu verstehen. Mir wächst ein Wald entgegen.
Was nützen mir Wände, die Gucklöcher gleich Schießscharten tragen, an denen ich mich nicht empor hangeln, in die ich nicht hinein kriechen kann, um mich einzunisten? Entschlüsseln kann ich die Hieroglyphen nur, wenn ich mich einniste, wenn ich behutsam und mit Vorsicht – es soll ja nichts zerstört werden -zum innen Kern vordringe, für den diese Zeichen stehen, den sie schützen.