Schreibeinladung für die Textwochen 43.44.19 | Wortspende von Café Weltenall

DAS BOOT

Einst wuchs ich unter einem hohen blauen Himmel, den ab und zu weiße Segelwolken kreuzten. Um meine Füße spülte Wasser. Mit meinen Geschwistern säumte ich am Rande der Insel einen sich weit ins Zentrum sich erstreckenden Meeresarm. Den Wolken sah ich sehnsüchtig hinterher. Ich wäre gerne mit ihnen geflogen, um weit über meine Grenzen hinaus die Welt in ihrer Fülle zu erleben. Ich wollte hören, wie die Möwen schreien und wie die Dorffrauen ihre Lieder singen, erleben, wie diese noch lange in mir nachschwingen, wenn der letzte Ton längst verklungen ist. Ich wollte sehen, wie Badegäste mit ihren Kindern am Strand Muscheln suchen und wie die Kormorane sich zu schwarzen Düsenjets organisieren, um gemeinsam auf Heringsfang zu gehen. Und da war noch so vieles mehr, für das ich keine Worte hatte. Als ich den ersten Vogelflug beobachten konnte, wusste ich, dass die Frauen am nächsten Tag kommen würden, um mich zu ernten. Man schnürte uns zu Bündeln und legte sie in einem dunklen Raum ab. Ängstlich fragte ich mich, was nun mit mir geschehen würde? War es in dieser Nacht, als ich den ersten Schrei eines neugeborenen Kindes vernahm? Einige Tage später wurden wir zu Booten geflochten und ans Wasser getragen, wo wir festgebunden auf dem Wasser dümpelten. Am nächsten Morgen, das Dorf schlief noch, legte jemand rohe Schafwolle und viele Decken in mich hinein. Eine Frau bestreute alles mit Rosenblüten und versteckte einen Brief zwischen der Wolle. Zwischen die Decken legte sie ein schlafendes Kind. Man band mich los und schon bald schaukelte ich auf den Wellen hinaus aufs offene Meer. Mein Traum ging in Erfüllung.

Terzetten

Auf dem Tisch die Terzetten
nehmen Raum ein, aufdringlich
lassen keinen Platz zum Gedankensammeln
duften (oder stinken, ich kann mich nicht entscheiden)
gegen das Grau an, das der April heute beschert.
Vogelstimmen flechten sich in den Tag
das frische Grün leuchtet nicht.
Die Zeit trägt Trauerflor.
Bevor ich mich begrabe in Melancholie
nehme ich die bunten Gedankenfäden wieder auf
und stricke sie ein ins Lebensgespinnst