Irgendwo auf einem Bahnsteig, nachmittags um 16 Uhr

Breitbeinig versucht sie den Bahnsteig zu überqueren. Langsam und vorsichtig mit kleinen Schritten. Immer in der Mitte zwischen den Gleisen. Mit den Armen, seitlich weggestreckt, balanciert sie sich aus.
In der linken dem Herz zugewandten Hand hält sie eine Flasche Bier.
Die großen Taschen ihrer Jacke beulen sich aus unter der Fülle weiterer Flaschen.
Sie singt Fragmente eines mir unbekannten Liedes.
Melodie und Stimme klingen wie ein altes verheddertes Tonband, das sich zum Ärger des Hörers im Kassettenrecorder nicht mehr richtig abspult.
Vielleicht ein Ohrwurm aus vergangenen Zeiten? Erinnerungsträchtig, übervoll von Emotionen?
Die Frau schaut niemanden an.
Der Blick ist auf die Rolltreppe gerichtet, als sei diese der feste Grund, den man endlich nach langem Kampf erreicht, wenn der gefährliche Sumpf durchschritten ist.
Als der Zug einfährt, hat sie es fast geschafft.
Welcher Sehnsucht sie mit ihrem Lied wohl folgt oder welcher zerstückelten Liebe sie sich erinnert?
Wer weiß das schon, vielleicht nicht einmal sie selbst.

FLASCHENPOST 1

7.7.

Liebe AURORA,

 

lange habe ich geschwiegen und dich darüber im Unklaren gelassen, ob es mich gibt.
Ich war mir unsicher. Du eine schreibfreudige Seiltänzerin, deren Briefe mir ans Herz gewachsen sind, mich oft aus meinem Schneckenhaus gelockt und mir ein Lächeln auf die Lippen gezaubert haben, warst mir zu fremd. Wer bist du nur, und warum schreibst du mir, einem völlig unwichtigen Menschen? Wer macht denn so etwas schon?Außerdem bin ich den Umgang mit Menschen nicht gewohnt und etwas ungelenk mit den Worten. Aber du hast dich nicht davon abhalten lassen, weiter Briefe zu schreiben. Doch dann kam nichts mehr, plötzlich kein Lebenszeichen mehr von dir. Ich war traurig.
Am liebsten hätte ich alles stehen und liegen gelassen, wäre in ein Boot gestiegen, über den großen Ozean gesegelt, um dich zu suchen in deinem kleinen Haus, mit den blauen Fenstern, hinter den Dünen, am Rande der großen Stadt.

Tatsächlich habe ich widerspenstige, kaum zu bändigende Locken und bernsteinbraune Augen. Meine Stimme ist weder Tenor noch Bariton, sondern ein Mezzosopran. Manchmal singe ich gegen den Sturm an. Ich bin aber leider kein Traumtänzer, sondern eine eigenbrödlerische Traumtänzerin, lebe aber wirklich auf einer kleinen Insel, zähle dort die Vögel und halte den Leuchtturm in Schuss. Ab und zu kommen Besucher mit dem Schiff. Ich zeige ihnen mein Reich und bin froh, wenn sie am Abend wieder den Rückweg zum Festland antreten.
Beinahe bin ich eine Königin hier.
Die Vorstellung gefällt mir!
Allerdings kann ich mit herrschaftlichen Roben, perlenbesetzten Stöckelschuhen, Schmuck und Krone nichts anfangen. Ich trage Jeans, Karohemden, dicke Socken, Wanderschuhe. Mütze und Schal dürfen nicht fehlen, auch nicht der dicke Parka und die kuscheligen Fleecejacken.
Der Wind hier ist frisch und oft stürmisch, einäußerst launischer und ungebärdiger Geist.
Ich könnte dir Geschichten erzählen…. und ganz sicher würdest du sofort eine Gänsehaut bekommen.
Meistens liebe ich mein einsames Leben, nur bisweilen fühle ich mich einsam. Zum Glück legt einmal in der Woche das Proviantschiff an, und ich trinke mit dem Schipper einen heißen Tee. Wir haben uns immer was zu erzählen, auch Dönekes und Seemannsgarn.
Er bringt mir natürlich auch die Post vom Festland mit.
An einer geschützten.Stelle auf der Insel lege ich mir gerade ein Gärtlein an. Und einen treuen Freund besitze ich, Leon, der Wolfsspitz.
Ich schicke meinen Brief per Flaschenpost, und hoffe, er erreicht dich.
 
Gruß aus der Ferne, ANTONIA, die Traumtänzerin.