MEERE AUS GRAS

Wellengleich wiegen sich Gräser
Wippen auf hohen Stängeln im Wind
Schützen Inseln aus Gänseblümchen
die sich ducken und wispern
mit Spitzwegerich und Klee, am Rande roter Mohn

Es wimmelt im grünen Meer
sommerlich zirpen Grillen, gurren Tauben oben,
schwirren Insekten wie Fische
durch verborgene Wälder
Die Zeit steht still beim Schauen und Lauschen

Tief innen in meinem heimlichen Garten wächst und gedeiht es ebenso
Nichts tat ich. Nur Werden ließ ich und Sein


Feuertaufe

Eva sah es kommen. Sie träumte von einem Flammenmeer, durch das Marie wandert.
Marie berichtet:
„Nicht mal mein roter Seidenschal, den ich mir kunstvoll um den Hals drapiert habe, fängt Feuer.
Es ist still in mir und ich weiß, mir wird nichts geschehen. Ein kühler Geist umspielt meinen Körper und hält das Feuer fern, als sei es nur das Licht hinter einer Wand aus dünnem Eis. Er wispert, singt und heult mit dem Knistern und Lodern der züngelnden Feuerzungen. Das Feuer hätte ein Scheiterhaufen sein können, wäre da nicht dieser unstete Windgeist mit den zahllosen Armen gewesen.
Ich war ganz bei mir und schickte alle heran strömenden Gedanken fort, den Augenblick fühlend mit allen Sinnen. Ich fragte nicht nach Gestern und Morgen. Jetzt! Ich bin, jubelte es in mir.
So erhielt ich in dieser Nacht die Feuertaufe.“
Marie folgt dem Pfad zum Wasser und erwacht aus ihrer tiefen Meditation. Am See angekommen legt sie langsam Stück für Stück ihre Kleider ab. Sie singt und lächelt, als sie nackt ins Wasser steigt und die Wellen mit den Händen berührt. Sie taucht tief bis zum Grund, spürt Fische und Wasserpflanzen ihre Haut berühren. Im Auftauchen erkennt sie sich selbst wieder. Ein Mensch – nackt und bloß – allein – neu geboren. Das lange nasse Haar schmiegt sich an ihren Körper, der leise fröstelt. Im Osten geht die Sonne auf. Marie steigt nun ganz aus dem Wasser und dreht sich um.
In der Ferne glimmt noch das Feuer.