Mitbringsel 4

Die Intensität von Stille hat etwas Fassbares, das  kaum mit Worten beschrieben werden kann. Es liegt darin eine essenzielle Dichte, die sich als Emotion, Farbe oder Klang darstellt. Ich wünsche uns allen, nicht nur an diesem Sonntag, dass wir lernen, welchen Wert für uns Menschen dieses Abtauchen in die Stille hat.
Selbst wenn wir äußerlich keinen stillen Platz finden und um uns herum Großstadtlärm und Gehetze ist, können wir, wenn wir sie einmal entdeckt haben – in den stillen Räume unserer inneren Landschaften regenerieren.

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Nur eine Tulpe im Strauß

Da war doch was.
Beim Versuch, diese Tulpe in der Vase auf meinem Küchentisch zu beschreiben, stoße ich an meine Grenzen. Natürlich könnte ich schreiben, sie ist von einem besonderem Orange mit gelben Rand. Aber sie ist viel mehr. Der Schimmer, ihr Duft, wie sie mit ihren Geschwistern dicht gedrängt und gerade in der schlichten Vase aus Glas steht, die Blüte noch nicht vollkommen geöffnet – ganz bei sich, in ihrem Streben nach oben der Vergänglichkeit preis gegeben.
Ihre Farbe lässt mich an Flamingos denken und den Süden, an weiße Pferde, schwarze Stiere und das Flirren von Licht auf dem Wasser. Das Mittelmeer vor dem inneren Auge sehen und eine schwarze Madonna, die so eindringlich auf mich gewirkt hat, dass ich kaum zu atmen wagte und ganz gefangen in diesem besonderen Augenblick war.
Es gibt diese Augenblicke…..
Versunken in den Anblick einer schönen Tulpe, öffnet sich ein Tür zu ganz anderen Erlebnissen. Filme laufen ab, Brücken bilden sich zwischen Ereignissen, die ursprünglich nicht zusammen gehörten. Da gestaltet sich ein neuer Raum, Licht und Wind dringt hinein und das Flüstern der Sterne. Die Schönheit und Anmut von Dingen ist äußerst machtvoll, wenn ich bereit bin ihnen Zeit zu schenken.

Nicht nur der Tag stirbt

Langsam zerlegt sich das Jahr
entkleidet Baum und Strauch
Schleier heben sich
Strukturen schälen sich heraus
Zurück geworfen auf sich selbst
der Erde nah, den Vollmond im Blick
kehrt alles SEIN zum Ursprung zurück
träumt Leben in den Winter sich
eingehüllt in gewichtige Worte
verblasste Farben, eine melancholische Melodie
den Duft von Apfelsinen
die Essenz der Dinge, den Grund
Sicher, dass beizeiten
das Neue kraftvoll geboren wird

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Ich gehe und glaube

In  das graue Einerlei mit den weinenden Himmeln
will ich türkisfarbene Horizonte zeichnen
und Wellen goldene Schaumkronen aufsetzen
in die leeren Muscheln vergessener Strände
lege ich rosa Perlen, die von innen leuchten
auf dem Weg zwischen heute und morgen
sehe ich Verworrenes sich  entflechten
Verknotetes gibt nach und löst sich aus der Erstarrung
aus dem Nebel schälen sich Konturen
und winzige Spuren von Farbe, die sich ausbreitet

Spiralförmig will ich mich hinaus schrauben aus vergangenen Tagen
die ihren Glanz nicht länger verborgen halten wollen
Du kannst wählen:
Mitgehen oder Dableiben, Glauben oder Zweifeln

Die Intensität der Stille

Die Intensität von Stille hat manchmal etwas Fassbares, das man nicht mit Worten beschreiben kann. Es liegt darin eine essenzielle Dichte, die man als Emotion, Farbe, Geruch, Geschmack oder Klang beschreiben kann. Ich wünsche uns allen, nicht nur an diesem Sonntag, dass wir lernen, welchen Wert für uns Menschen dieses Abtauchen in die Stille hat.
Selbst wenn wir äußerlich keinen stillen Platz finden und um uns herum Großstadtlärm und Gehetze ist, können wir, wenn wir sie einmal entdeckt haben – in den stillen Räume unserer inneren Landschaften spazieren gehen, uns niederlassen und regenerieren.

Sich neu erschaffen

Marie hat sich selbst erschaffen. Als schöpfende Malerin zeichnet sie sich selbst auf weißes, feingefasertes Papier.
Strich für Strich; Konturen, ein Profil.
Hineingelegt die Tiefe einer Persönlichkeit mit vielen Facetten. Bunt wie ein Regenbogen.
„Alles Schnee von gestern. Ich will mich neu erschaffen.“

Das Lächeln wird zum Grinsen,  zur Fratze, friert ein.
Die Finger greifen energisch nach dem dicken Borstenpinsel, tauchen ihn ein in dickflüssige Farbe und übermalen mit kraftvollen Bewegungen das eingefrorene Gesicht.
Marie sieht Gelb!
Aus dem Gelb schält sich Grün, wird zum Baum, der in einem Wald steht und sich zu den Dünen hin duckt, um den Ausblick frei zu geben auf das stürmische Meer.
Unter dem schweren Himmel, der Schatten aus Stahlgrau und Anthrazit über das Wasser wirft, ist die Linie zwischen Horizont und Himmel aufgelöst.
Ein Blick genügt, und Marie zieht sich zurück in den Wald, der sich streckt, wird zum Baum, der grün ist und mit dem alles begann.
Unter seinen ausladenden Zweigen sitzt ein altes Weib. Das schlohweiße Haar ist verfilzt und steht in alle Richtungen ab. Seine Strähnigkeit erinnert an Schlangen, die sich um ein verrunzeltes, lehmbraunes Gesicht mit eingefrorenen Zügen ringeln. Der Mund ist weit geöffnet. Im erstarrten Gesicht ahnt man noch den stummen Schrei, der es nich mehr geschafft hat, sich aus der rauer Kehle zu befreien.
Marie ist tief berührt, schwankt zwischen Schreck und Erkennen. Wie gern hätte sie sich unter dem Baum im Moos nieder gelassen, an den Stamm gelehnt und die Borke mit den Fingern liebkost. Weich wäre ihr Gesicht dabei geworden. Zärtlichkeit und Liebe hätte sie verströmt.
Aber neben der Frau mit den verloschenen Augen möchte sie nicht sitzen
Eine Weile bleibt sie stehen, Auge in Auge mit der erstarrten Frau.
Vorsichtig nähert sie sich, forscht, wie weit sie sich nähern kann, ohne von der weiblichen Gestalt aufgesogen und verschlungen zu werden.
„Das bist du.“ säuselt der Wind in den Blättern, während auf der anderen Seite der Dünen über dem Wasser das Unwetter tobt und die Wellen hoch peitscht.

Nach einer langen Weile dreht Marie sich um. Für heute hat sie genug gesehen. Sie kehrt zurück zum Gelb des Gemäldes, nimmt feine Pinsel und klare Farben und beginnt, sich neu zu malen.