12.11.20

Beinahe kahl nun der Baum vor meiner Tür
der Taubenbaum und das Nest darin
dass sich allmählich auflöst
 und beinahe verschwindet im Geäst
von roten Früchten träumend
torkeln die letzten Blätter im Wind
bald fallen auch sie und werden zu Erde
sie strafen den Himmel Lügen
der trügerisch blau über allem hängt

HERBST

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Rainer Maria Rilke
Aus: Das Buch der Bilder

so tief

es war mir nicht bewusst
in dem Moment, als es geschah
doch sie fielen so tief
als wollten sie meinen Grund durchdringen
um durch mich hindurch
in andere Kreise zu gelangen
sie fielen so tief
dass ich nach Tagen immer noch suche
nach diesen Worten
die  nicht zu fassen
und nicht zurück zu holen sind

Hätten sie besser nicht fallen sollen?

So ringe ich mit ihnen
und mit ihre Gestalt
deren Sinn ich nicht glauben mag
und halte sie doch fest
damit sie nicht verloren gehen