Aurora, die auf dem Seil tanzt 3

4.2.

Liebster Federfuchs,

heute konnte ich schon wieder humpeln. Der Knöchel schwillt ab – hm, vielleicht gelingt es mir ja morgen , über die Schwelle zu hüpfen. Der Wind dreht sich, und ich glaube du hast dein Schneckenhaus verlassen, um den Leuchtturm zu inspizieren. Ist die Möwe gut bei dir angekommen? Was alles so schwillt im Augenblick. Nicht nur der Fluß vor meiner Tür, in den Bäumen steigt der Saft und die Vögel spielen verrückt. Ich bin heute brav gewesen und habe still im Sessel gesessen, meinen Knöchel gekühlt und in mich hinein gehorcht. Du kennst ja meine innere Unruhe und die Schwierigkeit, still zu sitzen. Nun, heute ging es gut. Ich habe in alten Bildern gekramt – ach war ich ein süßes Baby – und eine innere Diskussion darüber geführt, ob deine Stimme nun ein Bariton oder ein Tenor ist. Keins von beiden, stellte ich fest, es ist ein Zwischending. Auch das weißt du schon, ich liebe alle Dinge dazwischen: was sich versteckt, in Spalten und Fugen; zwischen Zeiten, Diesseits und Jenseits.
Manchmal frage ich mich, warum ich es mir nicht einfacher mache und nur registriere was sicht-und fassbar ist. All dieses Unfassbare nimmt soviel Gedankenraum ein. Zugegeben, es ist viel spannender und nährt mich besser.
Neulich las ich, dass es Menschen gibt, die mehr das große Ganze im Blick haben und andere, die sich im Detail verlieren.
Ich denke gerade, wenn ich schon das große Ganze nicht erfassen kann, konzentriere ich mich doch lieber auf die hübschen Details. Wie gut, dass es zum Ausgleich dich gibt. Du bist in der Kuppel des Leuchtturms angelangt: dein Blick schaut von oben, geht weit. Siehst du mich am Rande des Meeres, jenseits der Dünen? Dort wo die Außenbezirke der Stadt am Fluss beginnen und im obersten Dachlukenfenster des kleinen blauen Hauses noch Licht brennt.

Siehst du mich? Ich winke mit der rechten Hand und schicke ein Lächeln, deine versonnene Aurora, die bald wieder aufs Seil kann

Geschichtenbaum

Ich spüre die Wurzeln der alten Eiche unter der Erde. Es fließt und rinnt dort. Hier gibt es viele geheime Türen. Durch eine gelangt man direkt in den Stamm. Der Baum hat einen Namen: Adam Winterbill.

Von ihm möchte ich eine Geschichte erzählen, wenn ich darf:
Adam Winterbill
Ich bin ein Baum! Mein Platz auf der Lichtung ist gut. Während sich die Wurzeln unterirdischen Raum erobern und mit ihren wachsenden Zehen die Erde lockern, strecken sich die Zweige dem Himmel entgegen. Mein breiter Stamm , der gerade dem Himmel entgegen strebt, hält mich in Balance. Schlafbaum bin ich für kleine schwarze Vögel. Sie sitzen auf meinen Zweigen und erzählen mir zwitschernd ihre Geschichten von weit her. Neulich hängte eine Frau bunte Zettel in meine Zweige. Wie Gebetsfahnen trugen sie innigste Wünsche.

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Es soll ja Zeiten gegeben haben, nein, ich weiß, dass es sie gegeben hat, als das Wünschen noch geholfen hat.
Manche Papierspiralen hat der Wind mitgenommen, andere der Regen aufgeweicht. Jetzt hat sie der Schnee begraben. Im Moos zu meinem Fuß vermodern sie langsam. Ihre Herzensenergie dringt in den Boden ein und sammelt sich zwischen meinen Wurzeln. Nichts geht je verloren.
Durch Wurzeln, Stamm und Zweige steigt die Energie hoch in den Himmel, vermittelt sich den universalen Kräften, die uns gut umsorgen.
Ich bin auch ein Geschichtenbaum, und vielleicht beginne ich, sie zu erzählen.
Ich bin umgeben von guten Freunden. Sie winken mit ihren Zweigen und sehen mich. Manchmal vermitteln die Vögel zwischen uns Botschaften. Es ist kalt in diesen Tagen. Gegen die Kälte bin ich gut ausgerüstet, und die Wurzeln unter der Erde finden noch wärmende Erde. Silberne Kristalle kleiden meine Astspitzen ein und funkeln in der Sonne. Jemand gab mir, der uralten Eiche, vor langer Zeit einen Namen: Adam Winterbill!
Vorgestern kam die Frau wieder zu mir, um ihren Schutzengel zu finden. Eine Stimme führte sie zu einem großen braunen Tor mit goldenen Beschlägen. Sie öffnete den Messingknauf und betrat den Wald. Ein frühlingshafter Birkenweg führte sie zu mir auf die Lichtung. Am Baumstamm wurde sie empor getragen. In meinen Wipfeln traf sie ihren Engel. Er nannte seinen Namen, und es war der, den sie schon ewig kannte.
Ich weiß es, denn sie hat mir ihre Geschichte erzählt, während sie meinen Stamm umarmte und meine Rinde mit weichen Lippen küsste.
Eine andere Frau, sie wird Marie genannt, kam in einer Schneenacht und sie wärmte sich an meinen Stamm, fand die Tür und fiel. Inzwischen wird sie erwacht sein und sich wundern. Mein unterirdisches Reich ist groß.

Post an den Traumtänzer

Hallo Traumtänzer,

es ist so viel geschehen heute, lieber Freund. Wo soll ich beginnen? Erst einmal war da dieser Frosch, der mir über den Weg lief und den ich fast mit meinem Fahrrad überfahren hätte. Zum Glück sah ich ihn so rechtzeitig, dass ich noch bremsen konnte. Dabei kam ich ins Schlingern, denn jemand hatte eine Bananenschale auf die Straße geworfen. Ich kippte um und verhedderte mich in der Kette. Eitel, wie ich war, hatte ich ja unbedingt meine neue weite Hose – orangerot mit lila Punkten – anziehen müssen, ohne Klammern versteht sich. Die Luft war lau und wohin ich auch sah, überall brachen die Blüten auf.
Nun saß ich also mit dem schmerzenden Hinterteil auf der Straße und hing mit der Hose in der Kette. Die grüne Haarspange war verrutscht und der lange rosa Seidenschal hatte sich heimlich davon gestohlen. Für einen Augenblick haderte ich mit dem Schicksal, doch dann begannen meine Finger damit, die Hose vorsichtig aus den Gliedern der Kette zu befreien. Plötzlich hörte ich ein Lachen, erst ganz leise, doch es wurde immer lauter, bis es in meinen Ohren schmerzte.
Ich schaute auf: ein Riesenfrosch stand vor mir. Für den Augenblick war ich perplex und dachte, einer Fatamorgana aufgesessen zu sein. Ja ich fragte mich tatsächlich nach meinem Verstand.
Vielleicht hatte sich ja von jetzt auf gleich ein Abgrund zwischen mir und meiner Welt geöffnet, in den ich hineingefallen war, denn in meiner normalen Welt gab es keine grünen Monsterfrösche, die mich unverdrossen auslachten. Du kennst mich ja. Aurora hat weder vor dem Hochseil noch vor sonst etwas Angst. Ich wurde wütend und schrie den Frosch an:

„Du verdammtes Ungetüm, verschwinde aus meinem Blickfeld, oder ich hau dir eins über die Rübe.“
und schon hielt ich den kleinen bunten Sonnenschirm, den ich manchmal auf dem Seil zum Balancieren benutze, in der Hand und drohte mit der Spitze. Ein wenig, das muss ich zugeben, kam ich mir vor, wie ein weiblicher Don Quichotte, der vor hat, mit den Windemühlenflügeln zu kämpfen.

Meine verbale Attacke verfehlte ihr Ziel, denn der Frosch war nun groß wie das Hochhaus im Nachbarort mit den fünfundzwanzig Etagen, das von weitem aussah, wie ein Risenzeigefinger, der gleich in Wolke Nummer sieben stechen wird, um sie zum Platzen zu bringen, und dem es völlig gleichgültig bleibt, wer da oben liebesverschlungen gerade sein Bett gefunden hat.

Meine Stimme erreichte die Hörvorrichtungen des Frosches nicht, denn ich war ja unten am Boden, inzwischen aus der Kette befreit und aufgerichtet, aber eben klein. Ich hörte ihn noch immer lachen, und das Lachen war so mächtig, dass die Bäume mit ihrem frischen Laub sich hin und her bewegten, als sei ein Sturm aufgezogen. Aber mit einem hatte der Frosch nicht gerechnet, denn er konnte mich ja nicht mehr sehen. Ich stieß die Spitze des Schirms in seinen Bauch und es macht Pftt!

Der Frosch sackte in sich zusammen und seine Plastikhaut begrub mich unter sich.
Zwar dauerte es eine Weile, bis ich mich schirmrudernd aus dem grünen Gespinst befreit hatte, aber zum Glück hatte der Frosch nur aus Luft bestanden.
Ich schmunzelte, als ich am Boden eine kleine Krone mit Perlen auf den Zacken fand, die ich als mir zustehender Lohn, in meine gehäkelte Hippie-Tasche mit den regenbogenfarbigen Rosetten steckte.
Ich nahm mein Rad und schob es nach Hause, stellte es in den Keller und beschloss, es mir für heute bei Schokolade mit Sahne und Keksen gemütlich zu machen.
Doch was war das? Im Badezimmerspiegel sah meine Haut so grün aus und die Haare erst. Sie ringelten sich wie grüne Schlangen aus der Haarspange heraus.
Ich fühle mich kerngesund, und werde jetzt kein Drama daraus machen. Vielleicht ist der Spuk ja morgen, wenn ich aufwache, endgültig vorbei. Bitte denk an mich und drücke mir die Daumen.

Es grüßt dich deine Aurora

die heute auf dem Hochseil der Fantasie spazieren gegangen ist.