2. Schreibprojekt „Zwischen zwei Ablenkungen…“

Theo empfängt

Nach dem ich am Montag diese wundervolle Karte aus dem neuen Kartendeck gezogen habe, beschloss ich gestern, dass Theo eine ganze Woche bei mir bleiben darf, um mich zu inspirieren.

Theo, du rosiges Bübchen, deine Welt ist dem Frühling nah.
Fantasie entwickeln, Unzerlesenes von vorne verstehen.
Die Sprache des Herzens sprechen heißt Verstehen von Grund auf.
Von Herz zu Herz schwirren liebevolle Botschaften ohne Worte
so wie zu Beginn, als die Welt nur Klang war.

Theo hat mich empfangen, neutral und offen.
Er hat gewartet, nicht gewertet und nach innen geschaut
bis von mir in ihm ein Bild entstand von dem
was ich sein könnte und noch nicht bin.

Auch ich lausche nach innen:
es ist still, alles wartet.
Siehst du mich Theo?
Und haben inneres und äußeres Bild Ähnlichkeit miteinander?
Du bist schon aus deinem Kokon geschlüpft.
Deine Flügel sind getrocknet und flugbereit,
zeigen sich in ihrer ganzen Pracht.
Licht bist du und sanft.
Etwas Kindliches liegt in deinem Gesicht.
Aus der Stille wächst alles empor, wenn die Zeit reif ist
und die Leere innen Platz gemacht hat,
damit wachsen kann was wachsen möchte.
Vor meinem inneren Auge sehe ich ein Bohne, die keimt
und sich auf ihrem grünen Stängel nach oben schlängelt.
Immer weiter und weiter bis sie den Himmel berührt
und zur Leiter wird auf der ich empor klettern kann.
Ich hoffe, der Empfang wird gut sein da oben.
Ich möchte gerne lauschen und horchen und lernen
wie ich neben den Bohnen
auch Sanftmut und Friedlichkeit in die Welt säen kann.

Heiligabend

In der Frühe, lange bevor das Morgenrot über die Dächer der Gartenstadt geklettert war, löste sich etwas aus dem Traum heraus. Fast so, als sei der Traum ein Kokon und nun viel zu klein geworden, um das wachsende Etwas noch halten zu können . Der Traum war geplatzt, wie eine reife Schote und hatte ein Wesen in den neuen Tag geschickt.
Es dauerte eine Weile, bis sich die Augen an die vollkommene Dunkelheit der Nochnacht gewöhnt hatten, und ich begannin diesem einen zeitlosen Augenblick, eine zarte Form zu erahnen und seine besondere Energie zu spüren.
Ob es aber ein Engel oder ein Vogel war, den der Traum in die Wirklichkeit entlassen hatte, konnte ich nicht erkennen. Das Wesen, so wusste ich aber, war nicht zu mir unterwegs, nur mein Gehirn hatte es traumverloren entstehen lassen, um Bote zu sein und etwas über die Hecke hinaus in die Welt zu tragen.
So losgelöst aus meinem nächtlichen Leben, verlor ich das Wesen aus den Augen, bevor ich die Botschaft entschlüsseln konnte.
Vielleicht aber, so dachte ich, ist das auch gar nicht schlimm. Muss ich denn immer wissen, was meine inneren Gestalten so treiben? Vielleicht liegt mein Anteil nur darin, sie zu gebären.
Und etwas später, als das Morgenrot über die Dächer geklettert war, verstand ich schon etwas mehr über mich, denBoten und die Botschaft.
Eine gewisse Hilflosigkeit gemischt mit einem Hauch Furcht, wandelte sich in das beglückende Gefühl, nicht für alles verantwortlich zu sein.

Hosentaschentraum

für die Hosentasche von Orangeblau

 

Der vergesseneTraum regte sich in der Hosentasche, in die der Träumer ihn am Morgen  gedankenverloren gesteckt hatte.
Es gefiel dem Traum gar nicht, so verborgen zu sein. Ja, es sei geradezu eine Frechheit, schimpfte er bei sich, ihn so zu ignorieren. Wer war er denn, dass man ihn behandelte, als sei er ein Kaugummipapierchen, für das man keinen Abfalleimer gefunden hatte?
Ganz kribbelig wurde dem Traum, und so begann er durch den Stoff der Hose ein bisschen zu pieksen.
Der Träumer war mit anderen Dingen beschäftigt. Gerade suchte er in der großen Stadt einen Parkplatz für sein Auto. Sieben Runden um die Altstadt war er schon abgefahren. Ohne Erfolg. Er schaute auf die Uhr und fluchte laut. Er würde zu spät zum Termin erscheinen. Im Geist sah er schon das Gesicht seines Chefs vor sich und dessen missbilligenden Blick. Ganz heiß und ungemütlich wurde ihm bei diesem Gedanken.
Der vergessene Traum piekste nun ein bisschen mehr, um zum Träumer vorzudringen.
Aber der war viel zu laut mit seinen zornigen Gedanken beschäftigt.

Schließlich gab der  Traum auf und legte sich nicht ohne Schadenfreude gemütlich zurück. Ach hätte der Träumer doch nur auf ihn gehört und seine Botschaft verstanden. Dann wäre er nicht mit dem Auto sondern mit der Bahn zur Arbeit gefahren und hätte sich so eine Menge Ärger erspart.

Fern und doch so nah

Es war nur ein kühler Hauch
von fern
der kaum berührte

nicht mal
wie das sanfte Verweilen einer Hand
über sommerwarmen Haar

Still wie der laue Wind
am Morgen
wenn die Nacht verrinnt

So leicht
wie der Flügelschlag
eines schwebenden  Falters

Und doch war es mehr
ein taumelnder Lichtkuss
beseelt und zart

eine Botschaft ganz nah

(veröffentlicht in „Sehnsucht nach Griechenland 2006)

Fülle

Als die Nacht sich verabschiedet und den Morgen in den neuen Tag geschickt hatte, hörte Marie die Vögel zwitschern. Einen grüner Duft wehte der Wind durchs geöffnete Fenster zu ihr hinein. Es war genau dieser Moment, in dem Marie an Eva dachte und ihr im Geist eine Botschaft schickte:
„Weißt du Eva, wir nehmen die Menschen, die wir lieben in uns auf. Wir verleiben sie uns ein, bis sie in uns leben. Sie werden zum Teil von uns. Und wenn sie von uns gehen, bleiben sie doch bei uns, selbst über den Tod hinaus, so dass wir nicht verlassen sind. Das ist tröstlich.
Ebenso ist es mit der Welt, wir nehmen sie in uns auf. Sie ist in uns wie wir in ihr. All das macht unseren Reichtum und die Fülle aus, aus der wir schöpfen dürfen.“