Ein heiliger Raum…

„Schläft ein Lied in allen Dingen
die da träumen fort und fort
und sie heben an zu singen
triffst du nur das Zauberwort“ (Joseph von Eichendorff)

Berührung, ich sehne mich nach Berührung, nicht jene der Körper, die sich aneinander reiben, ich meine Berührung von Herz zu Herz und von Seele zu Seele. Das „Du“ zupft Klänge aus der schweigsamen Harfe, die ich ohne es bin. Vibration, Lieder, Klänge: meinen Grundton, immer wieder angestimmt in Harmonie mit anderen Tönen suche ich.
So will ich denn wieder hören lernen, um DEINEM Klang zu lauschen, um in Resonanz darauf selbst zu klingen. Und es soll mir gleich sein, ob jemand über mich sagt. „Sie hört mal wieder das Gras wachsen.“ Sollen sie reden, sie wissen es nicht besser, ich höre es wirklich wachsen.

Eva fragte noch, ob es der Nussbaum „Opa Graubart“ oder der Apfelbaum „Madame“ gewesen sei, den die heiligen Silben und das große OM so sehr anrührten, dass er zum ersten Mal Früchte trug?
„Weißt du Eva, es war seltsam damals auf der kleinen Terrasse unter dem
Blätterdach der Bäume in jenem heißen Sommer. Es gehört ja auch noch „Frau Holle“ der Holunderbusch zur Pflanzengemeinschaft. Die Vibration war in mir, unter meinen Füßen, und ich spürte sie in der Borke des Stammes. Herausgerissen aus allem, entstand ein heiliger Raum und dennoch, kaum fassbar in diesem Moment, ging rundherum – jenseits der durchsichtigen Mauern, die als Schutzraum gewachsen waren – alles seinen alltäglichen Gang: eine Nachbarin schimpfte mit ihren Kindern; irgendwo dudelte Musik; die Vögel zwitscherten und nebenan hängte jemand die Wäsche auf.
Es war übrigens der Apfelbaum, der danach zum ersten Mal Früchte trug. Ich hatte ihn einst mit dem Namen „Madame“ gesegnet. Aber ja, wenn ich alles so recht bedenke, auch der alte Haselnussbaum, das Findelkind, jenes dass ein Fremder lieblos einfach aus der Erde gerissen hatte, um es am Rande der Stadt abzuschütten wie eine lästige Altlast, die man nicht mehr gebrauchen kann, trug in diesem Jahr eine reiche Ernte. Er wäre vor Jahren gestorben, hätte ich ihn nicht gerettet. Ob der Fremde wohl gewusst hat, was für wunderbare und vollkommene Nüsse dieser Baum zu verschenken hat?“

Schläft ein Lied in allen Dingen

Gestern, bei einem Streifzug durch den Frühling

Ich sah, dass die Bäume in den Startlöchern stecken. Sie warten nur darauf, den letzten Sonnenkick zu erhalten.  Ich spüre die Aufregung, die darauf ausgerichtet ist, nur ja nicht den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Alles wirkt belebter. Die Vögel sind unentwegt tschilpend und zwitschernd unterwegs und auf den Dächern treffen sich Rabenkrähen, Amseln und Tauben. Sie halten Ausschau, könnte  Frau denken.
Da war auch ein efeuumrankter kahler Baum. In dem sah ich tatsächlich einen wilden Kerl hocken, der gleich lossprinten wird.
Was ich daraus folgerte? Dass ich wieder mehr zu den Bäumen muss, um diese ulkigen Blickwinkel zu fotografieren und natürlich auch, um dieses kichernde und quirlige Steigen der Säfte in ihnen zu spüren, dass eine so anregende Wirkung auf mich hat wie starker, schwarzer Kaffee.