Dornrosis und die Hecken

Dornrosis war im besten Alter, weder zu jung noch wirklich alt. „Irgendwo dazwischen.“ War ihre Antwort, wenn jemand nach ihrem Alter fragte. Mit dem Zug war sie den ganzen Morgen durch dichten Nebel gefahren, um schließlich ihr Schiff zu besteigen. Dort angekommen, blieb sie lange an der Reling stehen und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Endlich konnte sie tief durch atmen. Am Horizont versuchte die Sonne sich einen Weg durch den Nebel zu bahnen. Es wurde lichter. Dornrosis genoss den Geruch des Meeres, den Wind auf ihrer Haut und das Gelächter der Möwen. Schon bald würde sie die Insel erreichen. Die kleine blaue Fischerhütte wartete .

Für ein paar Wochen entfloh sie der Hektik des städtischen Alltags mit seinen ständig aufeinander folgenden Terminen und Verpflichtungen. Lange Spaziergänge am Strand warteten auf sie. Endlich konnte sie den Gedanken freien Lauf lassen. Normalerweise mussten sie wie aufgeregte Spatzen immer wieder vertrieben werden, um den täglichen Ablauf der zu erledigenden Dinge nicht zu gefährden. Fern vom Alltag durften sie ihren Platz behaupten, sich breit machen, laut und gehört werden.
Der Märchenprinz würde eine Weile ohne sie auskommen müssen. Es war nun schon viele Jahre her, dass er sie aus dem Dornröschenschlaf geweckt hatte, um eine Familie zu gründen.
Inzwischen waren die Kinder groß, lebten ihr eigenes Leben. Trotzdem war Dornrosis Leben nicht ruhiger geworden. Sie hatte eine interessante, vielseitige Arbeit und den Kopf voller Ideen, die ungeduldig darauf warteten, verwirklicht zu werden.
Manchmal fragte sie sich, wie sie all das in den verbleibenden Lebensjahren noch verwirklichen wollte. Es war Zeit, genau hinzuschauen.
Was war ihr wirklich wichtig?

Auf der Insel war es einsam. Die Fischerhütte lag abseits vom Dorf nah bei den Dünen. Von den Fenstern auf der Gartenseite konnte Dornrosis über die Dünen hinaus auf das sich ständig verändernde Meer schauen. Seitwärts des kleinen Gartens öffnete sich eine blaugetünchte Tür hin zu einem schmalen Weg, der zum Strand führte. Sie spürte in Gedanken schon den nassen Sand unter den Füßen. Den Möwen würde sie zuschauen, die Ruhe des weiten Horizonts genießen und Strandgut sammeln.

Der kleine verwilderter Garten, der zur Hütte gehörte, war von einer dichten Hecke aus einheimischen Gehölzen umgeben. In einer Ecke bildeten ein Holzapfelbaum und Holunderbüsche eine natürliche Laube, unter der eine alte Holzbank zum Verweilen einlud. Die grüne Farbe blätterte langsam ab.
Ein zauberhafter Platz an dem man gutgeschützt gegen den ständig vom Meer her blasenden Wind, die kommenden warmen Sommerabende verbringen konnte. Jetzt im späten Frühling, war die Hecke dicht begrünt. Die letzten Heckenrosenblüten verbreiteten einen zarten Duft.
Trat sie aus der Haustür, schaute sie auf eine sich in die Ferne windende Steinmauer.
Wenn sie nachdachte und sich erinnerte, war die Fischerhütte am Meer durchaus mit dem „Märchenschloss“ ihrer Kindertage zu vergleichen. Damals hatte die dichte Dornenhecke den Zugang zur Außenwelt verwehrt. Gut geschützt verbrachte die kleine Dornrosis dort ihre Kindertage. Als Heranwachsende aber war sie oft wütend und zornig gewesen, weil es ihr nicht gelingen wollte die Hecke zu durchdringen. Jung wie sie war, wusste sie nicht wohin mit all ihre Energie. Und sie war neugierig und voller Lebenslust, auf all das, was sich hinter der Hecke abspielte. Rastlos suchte sie nach einer Lücke in der Hecke. Wenigstens einen Blick auf das ihr verborgene wollte sie erhaschen.

An einem milden Herbsttag entdeckte sie die Lücke. Vorsichtig spähte sie hindurch. Was sie sah bereitete ihr zwiespältige Gefühle:
Einerseits zog es sie magisch an, andererseits machte das ungewohnt Neue ihr Angst. Sie steckte einen Finger hindurch. Es fühlte sich merkwürdig an. Noch nie hatte sie etwas Derartiges gefühlt. Vorsichtig zog sie den Finger zurück, blieb an einem Dorn hängen. Es schmerzte. Dornrosis leckte das warme Blut vom Finger und beschloss, abzuwarten.
Von diesem Tag an war das Leben im Märchenschloss“ einfacher, fühlte sie sich nicht mehr so eingesperrt. Es gab ein wunderliches Schlüsselloch nach draußen!
Immer wenn sie voller Unrast war, ging sie dorthin und schaute hinaus. Gleichzeitig schmiedete sie Pläne, suchte nach geeigneten Werkzeugen, um das Loch in der Hecke zu vergrößern und von Dornen zu befreien. Was sie durch ihr Guckloch zur Welt beobachtete, machte ihr mit der Zeit immer weniger Angst.
Und eines Tages war es so weit: Das Loch war nun groß genug, um hindurch zu schlüpfen, alle Dornen waren beseitigt. Ihre Angst war verschwunden. Sie wagte es und kroch hinaus. Auf der anderen Seite streckte und reckte sie sich. Wie ein Schmetterling war sie zur rechten Zeit aus ihrem Kokon geschlüpft.

Das Gefühl von Freiheit war berauschend. Schwindel erfasste sie, als sie an die unendlichen Möglichkeiten dachte, die von nun an offen stehen würden. Noch ahnte sie nicht, dass in ihrem Leben noch viele „Dornenhecken“ auf sie warteten, die durchdrungen werden mussten, nicht immer ohne Verletzungen.

Viel Zeit war seitdem vergangen
Das Schiff näherte sich dem kleinen Hafen und legte an. Die Schiffsmannschaft vertaute das Schiff sorgfältig an den dicken grünen Hafenpollern. Dornrosis schulterte ihren Rucksack und nahm die Reisetasche in die Hand. Mit den wenigen anderen Passagieren verließ sie das Schiff und eilte im zunehmenden Sonnenlicht der Hütte zu. Wieder hatte sie dieses unglaubliche Gefühl von Freiheit. Diesmal allerdings würde die Reise nicht in das pralle, äußerlich sichtbare Leben führen, diesmal sollte es eine Reise nach innen werden. Das Meer umschloss die Insel, wie die Dornenhecke das Märchenschloss, aber es war ein selbstgewählter Rückzug, den sie jeden Tag aufs Neue beenden konnte, denn einmal am Tag kam das Schiff. Noch nie im Leben war Dornrosis allein auf einer Insel und allein in dieser Hütte gewesen.

Erst vor wenigen Monaten hatte sie diese Hütte erworben und sich damit einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Im letzten Urlaub entdeckte sie die Insel und war sofort verzaubert von dem unbeschreiblichen Licht. Als sie die blaue Fischerhütte entdeckte, war es um sie geschehen. Die Hütte schien zu rufen und zu locken. Sofort war Dornrosis von der Vorstellung besessen, dieses blaue „Refugium“ zu besitzen. Es kostete wenig Energie herauszufinden, wem es gehörte.
Der Besitzer schien froh, das Häuschen zu einem vernünftigen Preis in gute Hände abzugeben. Es ging alles leicht. Der Kaufvertrag war schnell unterschrieben. Gemeinsam mit dem Märchenprinzen gestaltete sie die Hütte wohnlich. Das wenige lebensnotwendige Inventar kaufte sie fast ausschließlich auf Flohmärkten und in Trödelläden der näheren Umgebung. Es hatte Spaß gemacht, die teilweise recht alten, schön gestalteten Alltagsgegenstände in die Hand zu nehmen, mit den Händlern zu feilschen und sich vorzustellen, wie alle erstandenen Dinge in der Fischerhütte zu einem einheitlichen Ganzen zusammenwachsen würden. Zum Schluss kaufte sie noch hübsche alte Spitzengardinen und matt glänzende Leinenbettwäsche, die sorgfältig gearbeitet und mit Hohlsäumen bestickt war. Ein feiner kühler Duft nach Lavendel hing noch darin.
Dornrosis hatte geträumt, wie es sein würde, allein in der Hütte zu leben und Zeit für innere Reisen zu haben. In ihrem Kopf hatte sie sich bereits eine Liste aller Dinge, zurechtgelegt, die sie tun wollte .

Rückzug brauchte sie dringend. In den letzten Jahren hatte das Leben um sie herum getost, wie die Brandung den Felsen umspült. Selten gab es Augenblicke der Ruhe und Entspannung.
Jetzt wo die Kinder aus dem Haus waren, wollte sie Dinge tun, für die sie bisher keine Zeit gefunden hatte. Noch war sie gesund, kräftig und voller Elan. Aber sie wurde älter und nicht immer würde es so bleiben. Die restliche vitale Zeit wollte sie nutzen, um den nächsten Lebensabschnitt zu planen. Es war an der Zeit, Ruhe zu finden und zu genießen, was das Leben an sinnlichen Genüssen zu bieten hatte. Sie wusste, dass sie lernen musste, den Augenblick zu genießen, wie man den Biss in den ersten frischgepflückten Apfel des Spätsommers genießen kann.

So sehr sie sich einerseits nach Ruhe und Entspannung sehnte, spürte sie auch Angst: ein neues Abenteuer, in das sie sich vorsichtig hineintastete, lag vor ihr.
Würde sie Ruhe, Alleinsein und Muße aushalten können? Was würde sie mit sich anfangen, wenn keinerlei äußere Ereignisse sie zum Agieren auffordern würden? Im bisherigen Leben waren immer viele Menschen um sie herum gewesen, die als Spiegel dienten und mit denen sie einen engen Austausch pflegte. Wie würde es sein, wenn sie zeitweise nur in ihren eigenen Spiegel schauen konnte?

In der Fischerhütte gab es weder Telefon noch Fernsehen. Auch die tägliche Tageszeitung war noch nicht abonniert. Lediglich ein altes Radio würde ihr den Zugang zur Außenwelt ermöglichen. Natürlich konnte sie im nahegelegenen Dorf Einkäufe erledigen, im Notfall ein Telefon benutzen oder einen Arzt aufsuchen. Sicher ließen sich mit der Zeit auch Kontakte zu den übrigen Inselbewohnern herstellen, aber das war nicht das Hauptziel ihrer Reise.