Storrytelling und die magische Begleitung 7

Trau dich…es gibt nichts zu verlieren 3

Im Grundriss steht die Geschichte des Raumes hinter der dritten Tür schon auf dem Papier. Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, in die Geschichte von den sieben Türen immer auch die aktuelle jahreszeitlich bedingte Natur mit einzubeziehen, aber eben auch, was mir sonst so begegnet. Mit der zweiten Tür baute ich den Februarsturm mit e und dann kam der Ukraine-Krieg. Ich bezog also in den nächsten Raum die aktuelle Situation in der Ukraine mit ein. Ich schrieb den Teil und stellte fest, das was darin passiert geht zu schnell. Mal kurz hingucken, das Grauen sehen und ganz schnell in ein gutes positives Ende umzuwandeln, kam mir falsch vor. Nicht weil ich kein gutes Ende will oder denken kann, sondern weil es gewesen wäre, wie: ich gucke mal schnell hin, und dann vergesse ich, was ich gesehen habe und alles ist gut. Natürlich würde ich das am liebsten tun. Aber die Realität mit ihrer Brutalität ist anders. Erst mal musste ich alles sacken lassen. Dann begann ich mit dem Umarbeiten. Sprich, ich bin noch im Prozess, und es dauert noch etwas, bis es sich für mich richtig anfühlt. Die Hauptperson heißt jetzt Ilya, es kommen auch Kohlmeise und Rotkehlchen darin vor und es gibt Hoffnung am Ende, denn die brauchen wir ja alle. Vielleicht wird aus diesem Teil der Geschichte sogar etwas, was Menschen in beinahe auswegslosen Situationen Mut und Hoffnung vermittelt. Aber, es dauert noch ein bisschen.

Ich bin sehr mit dieser Geschichte beschäftigt. Sie treibt mich um, genauer gesagt, Fragen, wie:
– wieviel Grauen verträgt eine Geschichte ?
– wie schafft man eine gute Balance zwischen dem Entsetzen einerseits und der Wendung zur Hoffnung andererseits?
– wie gehe ich selbst mit meinem Ensetztsein und meine Angst um?

Wurzeln 3

Vom Entwurzeln

Abgründe. Ja es hat etwas Abgründiges, etwas Unauslotbares, dieses Neue, das sich gerade aus dem Nichts zwischen den geraden Linien herausschält. Gestern war alles noch so klar und überschaubar. Gerade Asphaltwege im Morgenlicht ohne wildwucherndes Unkraut an den Rändern. Eben war da noch ein weiter unverstellter Blick auf den Horizont, an dem sich nichts Überraschendes zeigte. Über Nacht hat der Asphalt Löcher bekommen. Er hebt sich an. Da ist eine Kuppe, über die sie nicht hinaus schauen kann. Die Mittellinie hat sich verdreht. Baumwurzeln haben Kraft. An den Seitenrändern, schickt sich die Natur an, Raum zurück zu erobern. Nirgendwo sind Mensch und Tier zu sehen. Sie ist schon lange unterwegs, geflüchtet, weg von dem Ort, der ihre Heimat war. Der Abend naht, und der Weg nimmt kein Ende. Wo führt er hin? Was hinter der Kuppe liegt, kann sie nicht erkennen. Einfach stehen bleiben kann sie auch nicht. Die Beine schmerzen und die Zunge liegt dick und pelzig in ihrem Mund. Sie hat Durst. Die Straße wirkt bedrohlich. Weiter gehen kann sie nicht. Sie wird sich in die Büsche schlagen, um einen anderen Weg zu finden, einen, der sie zu einem Haus führt oder in eine Lichtung. Das Herz beginnt zu rasen. Kalter Schweiß steht ihr auf der Stirn. Was lauert im Schatten der Bäume? Sie versucht sich zu beruhigen, das rasende Herz unter Kontrolle und die Panik in den Griff zu bekommen. Für einen Augenblick lässt sie sich am Wegrand nieder, hält sich selbst umschlungen, bemüht sich mit aller Kraft, das einsetzende Gedankenkarussell zu stoppen und beschwört vor ihrem inneren Auge das Bild. Ein Traum schenkte ihr vor ein paar Tagen dieses Bild. Ein großer, breiter Mann im schwarzen Anzug mit einer Melone auf dem Kopf hält einen moosgrünen Regenschirm über ihren Kopf. Der Mann steht rechts hinter ihr. Er bringt den Geruch nach frischer Pfefferminze und Lavendel mit. Das beruhigt. Sie hebt den Kopf und schaut zur Straße. Mitten im Asphalt, dort wo ein Riss entstanden ist, hat sich die Sonnenblüte eines Löwenzahns entfaltet. Langsam steht sie wieder auf, verlässt die Straße, schiebt mit den Händen zwei Holunderbüsche auseinander, zwängt sich hindurch in den Wald, der ihr wie ein Urwald erscheint. Das Herz schlägt ruhig, die Panik ist vorbei, der kalte Schweiß abgewischt. Sie hat gelesen, dass in alten Zeiten vor jedem Haus ein Holunderbusch stand. Ein mächtiger Schutzbaum für Mensch und Tier. Und irgendwo da im Gebüsch wird eine Quelle sein.

Damals, als ich es zum ersten Mal sah…

 

Ich, Marie, erinnere mich. Genau auf diesen Polstern hier im roten Salon saß ich vor langer Zeit mit dir. Es war im Herbst. Auf dem niedrigen Tisch zu meinen Füßen stand eine Schale mit duftenden Äpfel, und am Fenster brannte ein siebenarmiger Leuchter mit haselbraunen Kerzen. Es duftete nach Bienenwachs und Orangenschale. Ich hauchte einen Sonnenkuss in dein ergrautes Haar. Zeiten kommen, Zeiten gehen! Ich bin nicht mehr die, an die du damals dein Herz verloren hast. Einst, mein Liebster, war in deinen Augen das lichte Meer. Ich fiel hinein und vergaß die Zeit in dieser graugrünen Unendlichkeit. Dort lag ich auf dem Rücken und ließ mich tragen. Kein Schrecken, weder Angst noch Sorgen, kein Schmerz warteten am Horizont. An jenem Tag, als ich einen Sonnenkuss in dein Haar hauchte, waren deine Augen ein stürmisches Meer. Bedrohliche Schatten wuchsen am Horizont und die Wellen peitschten hoch.
Pass auf, dass du nicht zerschellst mit deinem Boot im Lebensmeer, flüsterte ich gleich einem zärtlichen Wind.
Du bist gegangen ohne ein Wort, und ich lief in den Garten und vertraute Frau Hulda, dem Holunderbusch, meine Tränen an. Es ist lange her. Wo steh ich jetzt?

gegen den puls der zeit innehalten…

kornblumenblau, mohnrot am rande von feldern mit wiegenden ähren wolken, die über eine kuppe in den bilderbuchhimmel klettern und schweigend weiter ziehen, während lerchen singen, spatzen schilpen der wind in den bäumen säuselt, während schwalben fallen und steigen
was mich berührt ist der weg eine furche, durch die ich schreite die mich leitet zu unbekannten zielen, ein zeitfenster, in dem ich sein kann , ohne angst den boden unter den füßen zu verlieren

Verwurzelt fliegen

v

angst orten – den schmerz aushalten
trauer zulassen
und abschied nehmen
etwas sterben sehen
sich leer weinen

spüren
die füße ankern im boden
verwurzelt finden sie quellen
dort – wo die erde schläft
und pulsierend leben schenkt
mit dem trommelschlag der zeit
schwingst du im gleichklang

fühlen
der geist erdet im universum
gehalten – geführt
dort – wo der himmel sich wölbt – wirkt
deine gedanken und träume beschützt
und dir nischen gewährt
im grenzenlosen raum

atme sie ein – diese kraft – tief
dann lass los
die trauer, den schmerz und die angst
und lehr dein herz fliegen

(2005)

Der Nacht geschenkt 4

Zurück zur Mutter
wieder klein werden, todkrank
in ihren Arm gesunden
wieder wachsen
und gehen, weg gehen, verlassen

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Ein Wanderer sein – das Sternenzelt über dem Kopf
durch jedem Schritt den Rhythmus der Erde mit gestalten
nicht bleiben und zuhause sein bei sich selbst
loslassen, nicht hängen bleiben
an der Angst vor dem Neuen
und sicher wissen
ich bin da, ich lebe
und finde was ich brauche

Foto: Blick in ein Schaufenster (Aachen)

Geschützt!

Was auch immer es war, es hatte sie berührt.
Im Nachhinein kann MARIE nicht mehr sagen ob sich das was sie erlebt hatte, von irgendwoher  zwischen die Gedanken, unter die Träume gemischt oder als ein Bild unter vielen zu ihr gesprochen hatte. Ein Klang, Musik, ein Geruch, sie wusste es einfach nicht
Das Wesentliche an der Erinnerung war der Schutz, unter dem sie dabei gestanden hatte,  ein überwältigendes Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, die Zuversicht, dass etwas in jeder Situation  die Hand über sie hält und halten würde.
Intensiv war das Gefühl, in das sie sich ohne Angst  hineinfallen lassen konnte. Dieses Schutzgefühl  war so präsent, dass sie sich in jeder Sekunde zurück erinnern konnte, um es zu spüren.