Es war nicht wie immer.

Etwas hat sich verändert. Der Wind in den Bäumen säuselt nicht mehr. Vielleicht ist es die plötzliche Stille, die sich so merkwürdig bizarr über die Zeit gelegt hat und in der die Welt den Atem anhält.
In der Ruhe vor dem Sturm liegt Konzentration und Kraft, ein Spüren tief innen, dort wo zwei Flüsse sich im richtigen Augenblick genau an dieser besonderen Stelle treffen und verbinden, so als sei es ein Nachhausekommen. Zurück in die Wiege der Menschheit, als Paradiese noch nah waren und in der Nacht der Wind die Zwillingswiege schaukelte, während schlanke hohe Bäume ihre Silberblätter wie Sternenregen über dem Fluss ausschütteten.
Erst in diesem Augenblick des Zusammenfließens wird eine neue gewaltige Kraft geboren. Eine Energie, die fähig ist, die Welt mitzureißen, ihr den Stempel aufzudrücken – sie für lange Zeit zu verändern. In der Mitte kräuselt sich ein goldener Strudel, aus dem ein göttlicher Atem Klänge zaubert, deren Schwingung weit hinaus getragen wird in den Klangkörper der Welt. Da, wo das Zweistromland beginnt wachsen Seerosenblätter. Eine kleine Göttin sitzt darauf – versunken, im ihrem Schoß ein Korb mit sich ringelnden Schlangen. An ihre Lippen hält sie eine Flöte, bereit im richtigen Moment darauf zu spielen, den richtigen Ton zu treffen, um die Schlangen zu beschwören, auszuschwärmen, und ihre heilende Arbeit zu tun. Mit jedem Ton entstehen neue Räume , immer näher bei den heilenden Quellen. (findevogel 2008)

Danke Funkenflug!
Ohne Begegnung und Austausch mit dir über viele Jahre, wäre ein solcher Text nicht entstanden. Vielleicht erreicht dich eines meiner neuen Lieder dort, wo du jetzt bist, außerhalb der irdischen Welt.

Übrigens…

Es war noch jemand da gestern beim Uhrenkasten, in dem sich Ana versteckt hatte, um von den Erwachsenen nicht ertappt zu werden:
ein kleines Wesen von schrulliger Gestalt. Kurz erblickte ich es, als es hinter die Standuhr flitzte, die gerade sieben Uhr geschlagen hatte – Abendbrotzeit! Fesch sah es aus in seinem grünen Jackett und den schwarzen Hosen mit Bügelfalten, über deren Bund sich ein ziemlich großer Bauch wölbte. Erst erschrak ich mich so sehr, dass ich beinahe die Schüssel mit Roter Grütze fallen gelassen hätte. Aber dann musste ich lächeln, denn dass quirlige Wesen lief barfuß über den flauschigweichen Teppich. Übrigens sein Gesicht war runzelig. Ein Kranz von grauem Silberhaar bedeckte den kahlen Schädel und über den erstaunlich vollen Lippen trug es ziemlich selbstbewusst, wie mir schien, eine spitze nach oben gebogene Nase. Die Augen blitzten dunkel wie Kohlestücke im offenen Kamin. Unter dem Jackett trug das Männlein eine rote Brokatweste. Eine goldene Taschenuhr baumelte aus der Westentasche.
Ich glaube, der kleine Mann hat mich nicht gesehen. Oder doch? Er schien es sehr eilig zu haben und plötzlich polterte es unter den Dielen – es knackte und knarrte, und ein Scheit Holz fiel aus dem säuberlich aufgeschichteten Stapel heraus. Gut, dass ich die fruchtige Grütze schon auf den Tisch gestellt hatte.
Vielleicht ist dieses knorpelige Wesen dafür verantwortlich , wenn plötzlich Tassen aus dem Schrank fallen, oder ein Stein vom Schreibtisch fällt und in zwei Stücke bricht, ohne dass ihn jemand berührt hat.

Ana im Uhrenkasten

Mama hat die kleine Ana schon längst ins Bett geschickt, sie zugedeckt und ihr einen Gutenachtkuss gegeben. Für die abendliche Gutenachtgeschichte hat Mama heute keine Zeit. Bis zur Nasenspitze reicht Ana das dicke Federbett, denn im Haus ist es kalt – eine Heizung gibt es nicht. Ana ist noch gar nicht müde, und sie will auch nicht schlafen. Unten geht die alte Haustür auf und zu. Sie knarzt so unheimlich im Rahmen. Wenn Ana dieses Geräusch hört, bekommt sie eine Gänsehaut, und ihr wird herrlich gruselig. Es ist Winter und sie weiß, die Erwachsenen treffen sich heute im Salon, um Geschichten aus dem Dorf zu erzählen, Radio zu hören und Karten zu spielen. Das Lachen schallt bis zu ihr hoch, denn die hölzernen Bodendielen sind schlecht isoliert. Der Salon liegt genau unter dem Kinderzimmer. Es duftet nach Bratkartoffeln mit Speck – Anas Leibgericht. Genussvoll kräuselt sie die Nase. Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen. Wie gern hätte sie jetzt von den ausgelassen Grieben genascht.
„Gemein, immer bekommen die Erwachsenen am Abend so leckere Sachen zu essen, “ denkt Ana bei sich. „und ich muss mich mit Hafergrütze und Honigmilch begnügen.“
Dabei mag sie gar nicht gerne Süßes. Vielleicht hat Oma ihr ja ein paar Grieben verwahrt. Das tut sie manchmal, denn sie kennt Ana gut.

Plötzlich hat das Kind eine Idee: es krabbelt aus dem Bett, geht zur Tür und öffnet sie ganz leise. Im Flur ist es dunkel. Wo ist der Lichtschalter? Den darf sie nicht anmachen, fällt dem Mädchen noch rechtzeitig ein, denn sonst wird sie ertappt. Auf nackten Sohlen schleicht sie mucksmäuschenstill über den kalten Fußboden zur Treppe – ein bisschen Angst hat sie schon. Das Herz klopft und sie friert in ihrem langen Batistnachthemd .Sie huscht die Treppe hinunter und schleicht sich in die Küche – keiner da – auf dem alten Kohleofen steht noch die gusseiserne Pfanne. Ein paar Bratkartoffelstückchen sind noch darin und Grieben. Ana ist entzückt. Schnell nascht sie direkt aus der Pfanne und verbrennt sich die Finger. Sie registriert den Schmerz, lässt sich aber nicht davon beeinflussen. Ihr ist, als tanzen tausend Fischchen im Bauch, so aufgeregt und unruhig ist sie. Wenn sie nur ja keiner erwischt. Mama kann sehr böse werden. Die Tür zum Wohnzimmer ist nur angelehnt. Ana horcht und schaut hinein – auch hier ist niemand. Also geht sie über die Schwelle, durchstreift den langen schmalen Raum mit dem großen Esstisch – wieder eine Tür. Von dort hört sie Stimmen und Gelächter, aber die Tür zum Salon ist zu. Was soll sie tun? Sie legt das Ohr an die Tür und lauscht auf die Stimmen: Tante Erika ist da, Mama und Lieschen, die junge Frau von nebenan, die morgens immer eine Kanne frisch gemolkene Milch abholt. Zwei Stimmen kommen ihr unbekannt vor, und sie sprechen so komisch. Tante Lotta vom Bäcker ist an ihrer dunklen Stimme zu erkennen und an dem lauten, wiehernden Lachen. Ana ist noch klein, gerade mal vier Jahre alt, aber ab und zu darf sie morgens mit der Brotkarte zum Bäcker gehen. Dort steht Tante Lotta hinter der Ladentheke und trägt wie immer einen bunten Kittel. Ana liebt es, das frischgebackene Brot in den Händen zu halten, es duftet so himmlisch. Wie einen Schatz trägt sie es nach Hause. Auf dem Heimweg muss sie etwas von der Kruste naschen.
Von der Küche her hört Ana jetzt schnelle Schritte. Sie erschrickt, was soll sie tun? In diesem Augenblick schlägt die alte Standuhr neunmal. Geistesgegenwärtig schlüpft die kleine Gestalt schnell in den Uhrenkasten und verschwindet.
image

von Ana, Fragment 1

Ana steht vor der verschlossenen Tür. Sie hat sie selbst zugeschlagen, fassungslos vor dem, was sie gesehen und gehört hatte. Schon lange war sie nicht mehr klein, hatte viele Namen ausprobiert und sich nun einen zugelegt, mit dem sie sich wohlfühlte.
Wenn nur jemand sie beim Namen gerufen hätte, damals, sie wäre schneller ans Ziel gekommen.
Mühsam hatte sie den Abgrund zwischen SEIN und SCHEIN irgendwie überbrückt. Die Brücke, schon mehrmals eingestürzt, wieder geflickt und aufgebaut, war inzwischen aus massiven Steinen errichtet, die standfest blieben, auch wenn zwischen ihnen Löcher blinzelten und nicht alle Steine gerade standen.
Eigentlich hätte sie zufrieden sein können. Doch es nagte noch immer, und fraß sich zeitweise durch ihre Haut nach außen. Da waren immer noch Reste. Fragen über Fragen, die nach Antworten verlangten.
Was sie an diesem Morgen in den Abgrund schauen ließ, war die Einsicht, wie einfach es war, Geschichten aus der Erinnerung zu verfälschen. Sie war doch auch dabei gewesen. Ihre subjektive Sicht auf die Geschehnisse war eine andere. Es war ihr bewusst, dass Menschen Erinnerungen beschönigen und verändern, um sich selbst gerade zu rücken oder um vor sich selbst bestehen zu können. Verdrängungsmechanismen funktionierten perfekt. Nur jetzt, war sie zutiefst selbst betroffen. Es ging nicht darum, Recht zu haben, eher darum mit der eigenen subjektiven Empfindung gehört und akzeptiert zu werden. So weit, wie in diesem Fall an einem besonderen Morgen von jemand anderem erzählt, hatte sich eine Geschichte noch nie von ihr selbst entfernt. Das nahm ihr die Fassung.