Vom Leisen

Das Leise hat sich in den Wald unter die Bäume zurückgezogen. Es ist geflüchtet vor dem Lauten, das unablässig schrille Gedanken über den Laufsteg des Lebens führt. Einstweilen fühlt es sich im Dickicht geborgen. Es wartet ab und erholt sich vom Lärm der Stadt.
Die Zeit wird kommen, in der es seinen Platz am Laufsteg des Lebens wieder einnehmen wird.
Der Sommer verabschiedet sich mit roten Äpfeln, die er dem Herbst in die bunten Hände legt, damit sie dort nachreifen können.
Jemand erntete die Äpfel. Der Herbst wird müde, gähnt und ruft den Winter herbei.
Das bunte Gefieder verschenkt er dem Wind, der es über Straßen und Plätze weht. Die Bäume spießen ihre nackten Zweige in den Himmel. Biegsame Gestalten voll Schönheit und Grazie sind sie.
Verbogen und manchmal bizarr zerteilen sie mit langen Schatten das Wintergrau.
Ein neuer Tag erwacht. Er bringt Schneeflocken mit.
Langsam und unaufhörlich decken sie Erde, Bäume und Häuser zu.
Der Schnee schluckt die lauten Geräusche, die sich gestern noch brüllend in den Haaren zu liegen schienen.
Die winterlich geordneten Gärten breiten sich verlassen unter tiefhängenden Himmeln aus, und die aufgebrochene Erde der Felder atmet Ruhe ein und aus. Gedämpft dringen Krähenkrächzer zum Haus.
Drinnen ist es warm. Die Menschen sind mit ihren Händen beschäftigt. Sie backen, basteln, dekorieren und zaubern geheimnisvolle Dinge, kleine Geschenke für liebe Menschen. Eine Mutter erzählt von den Wichteln im Winterwald. Das gefällt dem Leisen gut. Es kommt aus seinem Versteck hervor und setzte sich zwischen die Menschen.

Auf der Suche nach Schnee 2

In der Nacht hat der sich der Spalt über den Worten geschlossen und sie unter frisch aufgeworfener Erde begraben.
Wer sich der Erde nähert, hört sie noch wispern. Die Wolken lösen sich auf und verregnen den Tag. Es verschwimmen die Worte, die neugierig nach außen schlüpfen. Kleine Rinnsale und Kanäle schlängeln sich durch die braunen Felder, Gedanken tauchen auf und ab, fließen.
Wie gut die Erde riecht.
lasst uns schweigen, Liebste. Diese Zeit lebt ohne Worte und lässt der Sprache Raum. Im Stillwerden spüren wir den Dingen auf den Grund, fühlen ihr Sein, entwickeln und richten uns neu.
Bis der Regen zu Schnee wird, lasst uns die Worte meiden, Liebste. Manchmal führen sie nur weg von uns. Im Atmen der Welt liegt Größe, und wir sind Teil von ihr.

Etwas ist anders…

Es ist kurz nach Mitternacht. Die Zeit hat ihre Seite gewechselt. Zwischen den Wolken zeigt sich ab und zu der Mond. Unter dem Baum im Moos haben sich die gefallenen Blätter zusammen gekuschelt. Die Nacht ist still, als warte alles auf ein besonderes Ereignis. Es liegt schon in der Luft, hat sich von der anderen Seite der Nacht herüber geschmuggelt. Es ist kalt. Mit den Wurzeln tastet der Baum sich tief in die Erde hinein. Dort ist es warm. Er leitet die Wärme hoch in die Spitzen der Zweige, in denen es schon zu frieren beginnt. Der Baum weiß, was er zu tun hat. Sein braunes Haupt denkt nicht. Er lebt unter dem wechselnden Mond und lässt die Jahreszeiten gelassen an sich vorbeiziehen. Inzwischen fast kahl finden sich nur vereinzelt noch Blätter im Geäst. Die Vögel sind in den Süden gezogen. Nur Kohlmeisen, Amseln, Rotkehlchen, Spatzen und Elstern haben an geschützten Plätzen den Kopf unter das Gefieder gesteckt. Im Laubhaufen raschelt und schmatzt ein Igel. Plötzlich setzt sich von oben etwas in Bewegung!
Kleine weiße Schneeflocken – spärlich noch – lassen sich zwischen die Verzweigungen fallen und segeln sanft ins gelbe Gras.

Hinter den Hecken ist die kleine Ana erwacht. Etwas riecht anders. Der Luftzug auf der Haut prickelt. Neugierig huscht sie aus dem Bett und rennt mit nackten Füßen zum Fenster.
Es schneit!

Auf der Suche nach Schnee 1

Nicht die Nacht hatte dem Tag meine Worte gestohlen. Kein Wind entführte meine Lieder in ein anderes Land. In der blauen Stunde zwischen Tag und Nacht hatte sich ein Trichter geöffnet. Alles schlitterten hinein, Worte, Töne und Klänge, als sei eine Rutschpartie angesagt.
Es ging schnell. Kaum schmeckte ich den Beerengeschmack der Worte im Mund, schon sprudelten sie perlend über die Lippen in den dunklen Trichter hinein. Lautlosigkeit und das Verstummen der Zeit ließen mich erstarren.
In dieser Bewegungslosigkeit war mir, als sei ich ein Baum im Winterwald. Der Gedanke daran, wo die Sprache geblieben war, verflüchtigte sich über Wurzeln und Zweige und mischte sich mit dem Atem der Zeit. Da blieb Fühlen nur und Spüren.

Kandierte Orangen

Das Buch liegt in einer bekannten Buchhandlungs-Kette zwischen den reduzierten Büchern aus und fällt mir gleich ins Auge. Ich nehme es in meine Hände – es ist ein gewichtiges Buch – und schlage es auf. Was mich aus den verborgenen Seiten anblickt, macht mich neugierig, schenkt mir ein Wohlgefühl und lässt mich staunen. Wie kann ein so aufwendiges und ästhetisch schön gestaltetes Buch bei der Ramschware landen?
Die Autorin Beata Zatorka beglückt mit einer gut illustrierten Mischung aus Geschichten, Erinnerungen an die Kindheit, Winterreisezielen und Rezepten aus ihrer Heimat Polen. Beigemischt ist eine gut dosierte Menge Nostalgie, gerade so viel, dass mir das Herz aufgeht, und ich mich per Zeitreise in meine Winterkindheit auf dem Lande zurückversetzt fühle. 

Erstaunt frage ich mich, warum das Buch „Kandierte Orangen“ heißt, wo doch in Polen keine Orangenbäume wachsen, blühen und duften.
Nach wenigen Seiten gibt die Autorin darauf eine Antwort. Sie erinnert sich daran, dass Orangen in ihrer Kindheit eine seltene Rarität waren – „Orangen gedeihen nicht im Polen aber die Störche vom Dach fliegen dorthin, wo die Sonne selbst wie eine Orange aussieht“ –  und im Winter zierten sie zu Pyramiden getürmt die Schaufenster. Jeder der es sich leisten konnte versuchte, ein paar der Früchte für das bevorstehende Weihnachtsfest zu ergattern. Die Orangen waren in hauchdünnes Seidenpapier eingepackt, das bedruckt war mit opulenten südlichen Motiven.  Als Kind hat sie dieses Papier gesammelt und damit schöne Dinge gebastelt. Lange blieb der feine Geruch der Früchte darin aufbewahrt.
Genau in diesem Moment erinnere ich mich an die Stiegen mit Früchten, die mein Vater Anfang Dezember mit nach Hause brachte. Auch darin waren die Orangen in feines Seidenpapier eingewickelt. Den Duft werde ich nie vergessen, wenn wir nach Lust und Laune davon naschen durften und die Schalen sich türmten.
Auch in diesem Jahr werde ich Zitrusfrüchte mit Nelken spicken, Orangenschale trocknen, zu Tee verarbeiten oder für die Zubereitung feiner Gebäcke zerreiben. Und zum ersten Mal werde ich selbst Orangen kandieren.
Im Buch finden sich eine Reihe von Rezepten, in denen Orangen eine Rolle spielen.
Schade, dass Orangen heute zur Massenware geworden sind und ihre Besonderheit für viele Menschen verloren haben, so wie alles, was immer zu haben ist,  seinen  Wert verliert.

Liebeserklärung an den November

Ich mag den November, wenn die Farben verbleichen und langsam die Strukturen der Bäume und Pflanzen transparent werden.
Ich mag die klare Luft an frostigen Tagen und das Farbspiel am Abend bei Sonnenuntergang.
Ich mag die langen Abende, an denen Lichter entzündet werden und der Tag viel Zeit hat zur Ruhe zu kommen. Und ich auch.
Ich mag es, ein Glas mit warmen Tee in den Händen zu halten, während eine Kerze flackert.
Sogar die kühlen Temperaturen mag ich. Ich öffne meinen Mantel und strecke mich ihnen entgegen. Wie lebendig ich mich fühle wenn die Kälte mich berührt. Und wie wohlig, wenn ich den Mantel wieder schließe.
Und wenn die Luft nach Schnee schmeckt, dann bin ich ganz bei mir und glücklich

20.11.20

Farben sammeln draußen
die letzten Blätter am Fackelbaum, fahlgelb
rote Blätter im Zwergahorn
die wie eine Wolke zwischen Raum und Zeit hängen
als flögen sie im nächsten Moment davon
wenn der Wind sie streift
wie ein Schwarm kleiner Vögel auf Futtersuche
eine abgetragene Maske blau auf dem regennassen Asphalt
neben den bunten Blättern am Strassenrand
bevor der Dezember die Farben löscht


Kurz notiert

am 18. 11.20

Er hat es mir erzählt, begeistert, wild gestikulierend und laut, wie es mitunter seine Art ist, mit Augen, die ich nur noch selten so strahlen sehe.
„Hast du den Mond gesehen heute?“ fragt er mich, und ich schaue hinaus und sehe den Mond, eine schmale, silberne Sichel, die mich lächeln lässt. Neumond ist noch nicht lange vorbei, denke ich. Und er erzählt weiter:
„Als ich draußen war, ging gerade die Sonne unter. Ich schaute zum Himmel und sah den Mond, und mitten durch ihn hindurch flog in diesem Augenblick ein Flugzeug. Beide orangerot beleuchtet von der tief stehenden Sonne, orangerot auch der Kondensstreifen, den das Flugzeug hinter sich herzog. Ein Superbild wäre das geworden, hätte ich die Kamera dabei gehabt.“
“ Ja, schade,“ antwortete ich “ mal es doch, dein imaginäres Foto!“