Kraniche ziehen

Kranichflug über mir
am blauen Himmel Eichelhäher
die mit Wolkenschafen um die Wette fliegen
unter krummen Apfelbäumen auf Patchwork-Obstwiesen
liegen Sonnenflecken im fahlen Gras
Vorbei das Sephiabraun und die lehmigen Wasser
Der Fluß ist über die Ufer getreten
Bäume baden ihre Füße im Wasser

Ich bezweifle, dass ich 1000 Kraniche für den Frieden gefaltet bekomme, aber einige werde ich auf Reisen schicken gegen den Krieg.

aus dem traum gefallen 1

es war ein schönes, starkes tier, edel
der dynamische sprung aus dem kinderzimmer unvergleichlich elegant
beängstigend wild, der tiger
das raubtierhafte grollen wurde zum schnurren
als es sich mit katzenhafter überheblichkeit neben mir niederließ
den Kopf in meinen schoß legte, zum kätzchen wurde
ermattete und verendete
ein hauch von wilder energie hat sich auf meine haut gelegt
lässt mich den kopf heben, mich aufrichten und denken
„jetzt erst recht“

Storytelling und die magische Begleitung (6)

Es geht weiter. Es ist natürlich nur die Rohfassung. Beim Erzählen könnte ich noch viel ausschmücken und ausbauen. Ich suche auch noch die richtige Erzählperspektive und einen geschlechtsneutralen Namen für die/den Held:in. Gut Ding will Weile haben.

Trau dich…du hast nichts zu verlieren

2. Die braune Tür

Die Kastanie schaute mir zu, während ich Käse und Brot zu mir nahm und vom frischen Wasser trank. Als ich fertig gespeist hatte, bat ich um einen kurzen Schlaf im Moos. Jetzt wo der Bauch voll war und der Tag beinahe seinem Ende zuging, wollte ich nur noch schlafen. Ich rollte mich im Moos zusammen, schloss die Augen und lauschte dem Wind, der in den Zweigen der Kastanie flüsterte. Sein Singsang ließ mich schnell einschlafen. Aus dem traumlosen Schlaf erwachte ich nach einer Weile mit einer dringenden Frage auf den Lippen:

„Was geschieht jetzt mit mir?“

Die alte Kastanie nickte weise und schaute mich ernst an.

„Gute Frage,“ antwortete sie, „du bist nicht ohne Grund hier. Du kannst mich Hilda nennen. Ich habe lange auf einen Menschen gewartet, der die blaue Tür öffnet und so meinen Raum betritt. Du wirst sieben magische Türen öffnen müssen. Mit jeder, die du durchschreitest, betrittst du einen neuen Raum, indem eine Aufgabe auf dich wartet.

Zu mir bist du gekommen, weil deine Neugier größer war als die Angst vor dem Unbekannten. Obwohl dein Herz geklopft hat, warst du bereit, etwas Neues zu wagen. Dazu gehört Mut.

Wenn du dich genug ausgeruht hast, dann wird sich in meinem Stamm eine braune Holztür zeigen, die dich in den nächsten Raum führt.“

„Werde ich je wieder zurück kehren in mein altes Leben?“

„Ja, das wirst du. Und du wirst nichts verlieren, im Gegenteil. Diese Reise wird dich bereichern, wenn du mutig genug bist, alle Aufgaben zu erfüllen. Du wirst am Ende über dich hinausgewachsen sein und mit neuen Blickwinkeln über den Horizont hinausschauen können.Geh jetzt! Hinter meinem Stamm steht ein Rucksack, nimm ihn mit. Reiseproviant und Wasser findest du darin, einiges an nützlichem Handwerkszeug und eine Zauberkastanie.“

Eine Zauberkastanie?“

“Eine Zauberkastanie! Nimm sie in die Hand, wenn du in Gefahr bist. Und solltest du jemals auf deiner Reise mutlos werden, rufe nach mir – Hilda, Hilda – schenke mir Mut!“

„Man wird mich vermissen und nach mir suchen!“

„Keine Sorge, wenn die Reise zuende ist, wirst du in dein Leben zurückkehren, und es wird so sein, als sei keine Zeit vergangen. Hier im Zauberwald hat Zeit keine Bedeutung. Und jetzt komm näher, ich möchte dir ein Zeichen auf die Stirn malen, damit jene, die dich erkennen sollen, sehen, dass ich dich schicke.“

Ich trat näher an den Stamm heran und Hilda malte mir einen blauglitzernden Stern auf die Stirn-.

Was hatte ich schon zu verlieren, nichts! Ich nahm den Rucksack und verabschiedete mich von Hilda. In diesem Augenblick sah ich die Tür in ihrem Stamm und zögerte nicht. Ich drückte den Türgriff herunter und sie öffnete sich lautlos. Wieder stand ich auf einer Schwelle und sah nichts. Langsam gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit. Schatten tanzten, der ganze Raum schien in Bewegung. Es flüsterte und raunte aus allen Ecken. Es knarrte, pfiff und fauchte. Es hörte sich sehr bedrohlich an, aber ich schloss die Augen und ging einen Schritt in den Raum hinein. Kein Wesen war greifbar. Wind umgab mich, hier verebbte gerade ein Sturm. Ich öffnete die Augen und erschrak. Ich stand auf einem Weg, der übersät war mit Zweigen, Blättern und Früchten. Auch kleine rote Äpfel fand ich. Ein Baumstamm lag quer über den Weg, Bäume waren umgeknickt oder entwurzelt. Die Bäume und Pflanzen hatten viel Holz gelassen. Sie ächzten und stöhnten. Ein breiter Baum war mittenentzwei gebrochen. Ich ging auf ihn zu.

„Oh, oh es tut so weh. Jetzt bin ich hin.“

Der Baum tat mir leid. Ich ging zu ihm und fragte:

„Lieber Baum, kann ich etwas für dich tun?“

„Ah, du trägst Hildas Zeichen. Bitte, schneide einen Reiser von mir ab, bewahre ihn gut und pflanze ihn an einem geschützten Platz in die Erde. Es ist sehr wichtig, denn ich bin die letzte meiner Art.“

“Das will ich gerne für dich tun.“ Ich öffnete den Rucksack und fand eine Heckenschere. Ich schnitt einen Reiser vom Baum ab, es war ganz leicht, und steckte ihn in meine Tasche. Es fühlte sich gut an und nahm mir das Gefühl, ohnmächtig und hilflos zu sein inmitten dieses vom Sturm verursachten Chaos.

„Ich danke dir mein Kind. Ich heiße Katalani. Sag das dem Reiser, wenn du ihn einpflanzt. Ich werde jetzt schlafen und meine Kräfte sammeln, und vielleicht wieder zusammenwachsen, um neue Triebe zu entwickeln. Leb wohl. Sei gesegnet auf deinem Weg.“

Katalani schloss ihre Augen und verstummte. Sofort hüllte sie ein feiner grüner Atem ein. Woher er plötzlich kam, ob der Baum selbst ihn ausstieß oder eine heilende Kraft sich des Baumes angenommen hatte, konnte ich nicht erkennen.

Inzwischen hatte der Wind nachgelassen, war nur noch ein leises Flüstern. Über den blauen Himmel eilten weiße Wolkenschafe. Eine Weile setzte ich mich auf den Baumstamm und sah mich weiter um. Ich sammelte Äpfel vom Boden auf und packte sie in den Rucksack. In einen biss ich hinein. Er schmeckt knackig, frisch und spritzig und im Nachgang angenehm süß. Ich fühlte mich jetzt weniger mutlos. Plötzlich blieb mein Blick an einem Reisigbündel hängen. Ich stand auf und schaute es mir näher an. Vor mir im flach auf dem Boden niedergestreckten Gebüsch hing ein Nest. Zwei blaue Eier mit goldenen Sprenkeln lagen darin. Sie waren noch warm. Wo waren die Vogeleltern? In der Umgebung war nicht eine einzige Vogelstimme zu hören. Nur der Wind säuselte in den Bäumen. Ich dachte nicht lange nach, wickelte jedes Ei vorsichtig in trockenes Gras und ein weiches Taschentuch. Die kleinen Pakete versteckte ich in meinen Jackentaschen.

Wurzeln 23

Geschichten aus dem Großmutterhaus 1

Mama hat die kleine Ana schon längst ins Bett geschickt, sie zugedeckt und ihr einen Gutenachtkuss gegeben. Für die abendliche Gutenachtgeschichte hat Mama heute keine Zeit. Bis zur Nasenspitze reicht Ana das dicke Federbett, denn im Haus ist es kalt – eine Heizung gibt es nicht. Ana ist noch gar nicht müde, und sie will auch nicht schlafen. Unten geht die alte Haustür auf und zu. Sie knarzt so unheimlich im Rahmen. Wenn Ana dieses Geräusch hört, bekommt sie eine Gänsehaut, und ihr wird herrlich gruselig. Es ist Winter und sie weiß, die Erwachsenen treffen sich heute im Salon, um Geschichten aus dem Dorf zu erzählen, Radio zu hören und Karten zu spielen. Das Lachen schallt bis zu ihr hoch, denn die hölzernen Bodendielen sind schlecht isoliert. Der Salon liegt genau unter dem Kinderzimmer. Es duftet nach Bratkartoffeln mit Speck – Anas Leibgericht. Genussvoll kräuselt sie die Nase. Das Wasser läuft ihr im Mund zusammen. Wie gern hätte sie jetzt von den ausgelassenen Grieben genascht.
„Gemein, immer bekommen die Erwachsenen am Abend so leckere Sachen zu essen, “ denkt Ana bei sich. „und ich muss mich mit Hafergrütze und Honigmilch begnügen.“
Dabei mag sie gar nicht gerne Süßes. Vielleicht hat Oma ihr ja ein paar Grieben verwahrt. Das tut sie manchmal, denn sie kennt Ana gut.

Plötzlich hat das Kind eine Idee: es krabbelt aus dem Bett, geht zur Tür und öffnet sie ganz leise. Im Flur ist es dunkel. Wo ist der Lichtschalter? Den darf sie nicht anmachen, fällt dem Mädchen noch rechtzeitig ein, denn sonst wird sie ertappt. Auf nackten Sohlen schleicht sie mucksmäuschenstill über den kalten Fußboden zur Treppe – ein bisschen Angst hat sie schon. Das Herz klopft und sie friert in ihrem langen Batistnachthemd. Sie huscht die Treppe hinunter und schleicht sich in die Küche – keiner da – auf dem alten Kohleofen steht noch die gusseiserne Pfanne. Ein paar Bratkartoffelstückchen sind noch darin und Grieben. Ana ist entzückt. Schnell nascht sie direkt aus der Pfanne und verbrennt sich die Finger. Sie registriert den Schmerz, lässt sich aber nicht davon beeinflussen. Ihr ist, als tanzen tausend Fischchen im Bauch, so aufgeregt und unruhig ist sie. Wenn sie nur ja keiner erwischt. Mama kann sehr böse werden. Die Tür zum Wohnzimmer ist nur angelehnt. Ana horcht und schaut hinein – auch hier ist niemand. Also geht sie über die Schwelle, durchstreift den langen schmalen Raum mit dem großen Esstisch – wieder eine Tür. Von dort hört sie Stimmen und Gelächter, aber die Tür zum Salon ist zu. Was soll sie tun? Sie legt das Ohr an die Tür und lauscht auf die Stimmen: Tante Erika ist da, Mama und Lieschen, die junge Frau von nebenan, die morgens immer eine Kanne frisch gemolkene Milch abholt. Zwei Stimmen kommen ihr unbekannt vor, und sie sprechen so komisch. Tante Lotta vom Bäcker ist an ihrer dunklen Stimme zu erkennen und an dem lauten, wiehernden Lachen. Ana ist noch klein, gerade mal vier Jahre alt, aber ab und zu darf sie morgens mit der Brotkarte zum Bäcker gehen. Dort steht Tante Lotta hinter der Ladentheke und trägt wie immer einen bunten Kittel. Ana liebt es, das frischgebackene Brot in den Händen zu halten, es duftet so himmlisch. Wie einen Schatz trägt sie es nach Hause. Auf dem Heimweg muss sie etwas von der Kruste naschen.
Von der Küche her hört Ana jetzt schnelle Schritte. Sie erschrickt, was soll sie tun? In diesem Augenblick schlägt die alte Standuhr neunmal. Geistesgegenwärtig schlüpft die kleine Gestalt schnell in den Uhrenkasten und verschwindet.

Wurzeln 22

Großmutterhaus 3

„Mama, wo war im alten Haus eigentlich der Hühnerstall. Ich kann mich daran nicht erinnern.“ fragte ich neulich meine 94jährige Mutter.
„Der Hühnerstall war im vorderen Teil der Deele neben dem Kuhstall eingerichtet. Darüber war das Taubenhaus.“
Und sie erzählte weiter, Dinge, die ich gar nicht wusste, ich lebte ja nur die ersten sieben Jahre auf dem Bauernhof, und bin inzwischen eine eingefleischte Städterin. Hennen glucken nur wenn sie brüten wollen. Dann wurden ihnen im alten Hühnerstall Nester hergerichtet, auf denen sie Eier legen und brüten konnten. Es gab früher, als meine Mutter Kind war, mal eine Pute, die bis zu 26 Eier gleichzeitig bebrüten konnte. Darunter befanden sich Gänse, Hühner, Enten-und Puteneier. Die wurden ihr von den Menschen einfach untergeschoben. Nun war die Pute, wie jede andere Mutter auch nach dem Schlüpfen der Küken sehr besorgt. Alle ausgebrüteten Eier waren ja schließlich ihre Kinder. Da sie selbst nicht schwimmen konnte, ihre ausgebrüteten Gänslein aber zum Weiher gelaufen sind, um zu schwimmen, war sie sehr in Sorge und hat sich immer sehr aufgeregt. Die arme Putenmama tut mir im Nachhinein noch leid Das war bestimmt der absolute Stress für sie.
Manchmal brüteten Hennen aber auch an verborgenen Plätzen. So gab es ein Nebengebäude mit Pferde-und Schweinsstall, einem Geräteschuppen und darüber einen Heuboden. An den erinnere ich mich noch gut, denn wir Kinder sind sehr gerne dorthinauf geklettert, um im Heu zu spielen. Eigentlich war uns das verboten, vermutlich wegen der ungesicherten Luke, die es auf dem Heuboden gab. Wir haben es aber trotzdem heimlich gemacht. Dort auf dem Heuboden haben Hennen manchmal im Heu ihr Nest gebaut, um ungestört zu brüten. Irgendwann dann fielen die Küken als kleine Federbälle durch die Luke nach unten.
Meine Herkunftsfamilie hatte eine sehr innige Beziehung zu den Haustieren. Die hatten Namen und wurden gut gepflegt und gehegt. Früh haben wir gelernt, dass man Tieren nicht weh tun darf.
„Quäle nie ein Tier im Scherz, den es fühlt wie du den Schmerz.“

Fundstück vom Findevogel 4

Auf dem Flug
mit dem imaginären Teppich
hast du viel gesehen:
Augenblicke blitzen auf
verbreiten grünen Zauber
du stürztst dich hinein – begeistert
in das fruchtbar pulsierende Leben
doch schnell wird es zuviel
zu laut – zu bunt – zu prall
Nie bleibst du lange an diesen Orten

Nun entdeckst du neue Räume
in der Wüste, auf der Ebene
am Fluss und in den Dünen
in Kathedralen und Kapellen
in Ruinen und abseits
Oasen – still und weiß
Ruhe stellt sich ein
und du bleibst


…und die Gedanken schlagen Kapriolen

Storytelling und die magische Begleitung(5)

Trau dich…es gibt nichts zu verlieren(1)

Stell dir vor, du bist unterwegs auf einer belebten Einkaufsstraße in einer großen Stadt. Es ist später Nachmittag an einem lauen Vorfrühlingstag. Die Menschen kommen und gehen, schwatzen, rufen, schreien, lachen, strömen. Von rechts und links schlagen bunte Schaufenster auf dich ein, grölt Musik aus den Ladenlokalen. Der Leierkastenmann ist unterwegs, ein Musiker am Straßenrand singt und spielt – gar nicht mal so schlecht – Rockballaden. „the anser my friend is blowing in the wind…“
Vor ihm steht ein Hut für Münzen.
Du stehst schon neben dir, möchtest dir die Ohren zuhalten und die Augen schließen, bist vollkommen überfordert und willst nur raus aus der Stadt. Plötzlich erblickst du rechts in einer Seitengasse eine blaue Tür aus Holz. Du siehst sie und alles um dich herum ist plötzlich still, weil du intensiv ausgerichtet bist auf diese Tür. Warum hast du sie noch nie gesehen? Wer wohnt dort?
Du kennst die Tür. Sie ist dir schon im Traum begegnet, immer wieder. Du betrittst die Seitengasse. Hohe, eng beieinanderstehende Häuser nehmen sich gegenseitig das Licht. Abends muss es hier unheimlich sein. Eine Katze miaut, ein Säugling weint. Hinter allen Geräuschen ruft eine Mutter ihr Kind zum Essen. Du gehst wie in Trance auf die Türe zu. Sie ist in einem unglaublich leuchtenden Blau lackiert. Es erinnert dich an provenzalische Himmel, wenn der Mistral über den Horizont jagt und die Menschen unruhig macht. Du spürst diese Unruhe, bist aufgeregt, aber auch neugierig.

Die Tür hat kein Schloss, aber einen Briefkasten, der links daneben hängt im gleichen Blau. Ein Spruch steht darauf: „Trau dich … es gibt nichts zu verlieren. Da ist ein Türklopfer aus Kupfer, der die Form einer doppeltgehörnten Fratze zeigt. Soll das abschrecken?

Du fragst dich, was wohl geschehen wird, wenn du den Türklopfer bedienst?

Obwohl du aufgeregt bist und dir das Herz zum Halse herausschlägt, nimmst du all deinen Mut zusammen, versuchst die zögerlichen und ängstlichen Gefühle in Schach zu halten und nimmst den Türklopfer in die Hand.

Und erschrickst, denn der Türklopfer ist warm und fühlt sich an wie ein schrumpeliger Apfel. „Was ist das?“ Du lässt nicht los und klopfst, es klingt dumpf. Dann lässt du los. In diesem Moment hörst du von innen Geräusche: Eine Art Uhrwerk rattert los „Dingdingedongdongdingedong….“ Ein Klangspiel setzt mit unzähligen Glöckchen ein. Gleichzeitig nähern sich der Türe schwere Schritte. Du weißt nicht, ob du bleiben oder fliehen sollst. Aber du willst es jetzt wissen, was befindet sich hinter der Tür? Von innen wird ein Riegel zur Seite geschoben. Du hörst ein unverständlicher Singsang und die Tür öffnet sich knarrend einen Spalt weit. Du siehst nichts und schiebst die Türe vorsichtig, aber beherzt weiter auf, machst einen kleinen Schritt und stehst auf der Schwelle. Du schaust in einen dunklen Raum. Im hinteren Teil wirft ein verhangenes Fenster einen Hauch Helligkeit in den Raum hinein. Staub wirbelt darin. Langsam gewöhnst du dich an die Dunkelheit und nimmst Schatten und Gerüche wahr. Du schnupperst, riechst verwelkte Rosenblüten. Da ist aber noch etwas. Du kannst es kaum glauben und musst beinahe lachen.

Dir weht der Duft von frischgebackenem Brot und kräftigem Käse entgegen. Das Wasser läuft dir im Munde zusammen. Du hast Hunger.

„Komm herein, trau dich … es gibt nichts zu verlieren.“ spricht eine dunkle, spröde Stimme aus dem Hintergrund.

Du zuckst zusammen und blickst dich weiter um, tust weitere Schritte in den Raum hinein. Da ist ein Wesen im Raum. Du spürst seine Anwesenheit, siehst aber immer noch nichts. Das Wesen muss hinten rechts in der Ecke sein.

Zaghaft und leise fragst du:

„Darf ich wirklich? Es gibt viel was ich verlieren könnte.“

Von rechts hinten erschallt ein dröhnendes Lachen.

„Du bist vielleicht ein Angsthase, dabei hast du schon Mut bewiesen. Du hast den Türklopfer bedient und den Raum betreten.“

„Ich sehe aber nichts!“ sagst du.

„Dann schließe deine Augen, horche und folge meiner Stimme.“

Es fällt dir schwer, aber so kannst du dich besser auf die Stimme konzentrieren. Das Wesen wird fassbarer und wirkt nicht bedrohlich. Du schließt die Augen. Jetzt siehst du innere Bilder. Schneeflocken tanzen im Raum. Oder sind es weiße Blütenblätter? Etwas berührt sanft deine Hände, die Arme, Beine und Füße. Es zieht dich weiter in den Raum hinein.

„So, jetzt öffne die Augen wieder.“ weist dich die dunkle, spröde Stimme an.

Du öffnest die Augen und stehst im Wald. Es duftet nach Frühlingsgrün, nach Tannennadelsprossen, nach Walmeister und Holunder. Walderdbeeren riechst du auch. Es tut so gut. Schlagartig beruhigt sich alles in dir. Du möchtest nur noch ein- und ausatmen, einen Platz im Moos finden und dich ausruhen.

„Siehst du, du hast hier nichts zu verlieren.“

Du schaust hoch und blickst einer Kastanie ins Gesicht. Es ist ein altes, freundliches Gesicht mit einer langen Nase. An der Stirn entdeckst du zwei Fühler. Es könnten Antennen sein.

Vor dem Baum steht ein kleiner Tisch im selben Blau wie die Haustüre und ein dazu passender Stuhl. Auf dem Tisch steht ein Krug mit Wasser, ein Glas, Teller, Messer, der Käse und das Brot.

„Komm, bediene dich. Du bist hungrig und brauchst Nahrung für die Reise. Es ist erst der Anfang, weitere Türen werden folgen. Du wirst sehen, du hast nichts zu verlieren.“

Lieber hätte ich die Geschichte erzählt und aufgenommen. Leider weiß ich noch nicht, wie ich das bewerkstelligen kann. Die Geschichte ist gestern in der digitalen Schreibwerkstatt von Ursula Stroux entstanden. Wir suchen noch Mitstreiter:innen.

Fundstück vom Findevogel 3

ich säte blühendes gras in zerbröckelnde fugen / zwischen irische steine/ auf südliche hänge/ in antike mauernischen/ doch nie sah ich, was wuchs unter den wechselnden himmeln/ die gezeiten trugen mich fort/ auf windbewegten flügeln immer weiter/ fern von mir und meinem tun/ sah ich die liebe erröten/ es lag musik in ihrem wesen und verwunschener tanz/ so fand ich das verblassende echo nur in mir selbst/ und küsste hinter der hecke heimlich die rosen

Wurzeln 21

Großmutterhaus(2)


Wurzeln, Wurzelstöcke, Wurzelgemüse
Kellerkinder, Kartoffeln, Äpfel, Beete, Zwiebeln in Zöpfen, Kohl, Sellerie, Pastinaken u.s.w.
Sie vertragen kein Licht und brauchen hölzerne Lagerstätten mit der richtigen Luftfeuchtigkeit, um zu überwintern.
Manches hält sich auch in feuchtem Sand.
Der alte gemauerte Lehmkeller war genau richtig zum Überwintern. Da konnten die Kellerkinder ruhen und frisch bleiben, bis das erste Frühgemüse geerntet werden konnte.
Schwach erinnere ich mich noch an die Apfelstiegen im Keller, besonders an den Duft, der sich im Haus breit machte und sich in der Vorweihnachtszeit mit dem Geruch nach frischgebackenen Stollen mischte.
Es gab auch eine dunkle Vorratskammer mit Mehlkiste, und gutgefüllten Regalen, in denen die Gläser mit Marmelade, eingemachtem Obst, eingelegtem Essiggemüse und der eingekochten Leber-und Blutwurst standen.
Ein geheimnisvolles Paradies, in das ich mal eingesperrt wurde. Was ich angestellt hatte, weiß ich nicht mehr, aber dass ich eine Ewigkeit lang auf der Mehlkiste saß und meinen ängstlichen Gedanken folgte, daran erinnere ich mich. Die Angst hielt sich in Grenzen. An die Dunkelheit gewöhnten sich die Augen. Schatten tanzten, Staub wirbelte, Geräusche von außen klangen anders, und die Geruchssymphonie gab der Nase zu tun. Alle Sinne waren hellwach in dieser Abgeschiedenheit. Vermutlich war ich nur kurz in der Kammer, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Ich schließe auch heute noch oft und gerne die Augen, um mich mit den anderen Sinnen auf die Umgebung und alles was da schwebt, weht, wirkt und flüstert zu konzentrieren.