Domspitzen

Und wenn dir die Domspitzen dunkel und viel zu klar ins Januargrau stechen, dann stell dir vor, zwischen den Domspitzen sei ein Seil gespannt:

Gerade fährt der am Dom außenliegende Aufzug AURORA hinauf. Sie trägt himmelblau und Silber von Kopf bis Fuß. Die lange goldene Balancierstange wurde schon gesondert nach oben transportiert. AURORA atmet tief ein und aus, während die Fahrt sie immer weiter nach oben führt. Jetzt ist sie da. Das Herz klopft laut. Die Aufregung, verbunden mit höchster Konzentration und Aufmerksamkeit, nimmt sich Raum. Der Körper der Tänzerin ist warm und geschmeidig. Sie setzt den rechten Fuß auf die Plattform, von der aus das Drahtseil hinüber zur anderen Seite gespannt ist. Unter ihr auf dem Domplatz sind an diesem frühen Nachmittag die Menschen zusammen gelaufen, um der besonderen Attraktion zuzuschauen, mache(r) mit ängstlichen Blicken und einer Mischung aus Bangigkeit und Neugier im Bauch.
Es ist kalt und windstill vor dem Dom, was selten vorkommt. Von unten sieht die Masse nur die leuchtende Silhouette der zierlichen Akrobatin, die sich gut vom Wintergrau absetzt . Beinahe fassbare Anspannung steigt von unten nach oben zum Seil. Selbst die Kinder sind still. Einige Gaffer halten die Hände vor die Augen, spinksen nur ab und zu durch die Finger hinauf.
AURORA steht nun mit beiden Füßen auf der Plattform. Sie strafft ihre Haltung und verbietet sich, nach unten zu schauen. Sie versucht, das schnell schlagende Herz zu beruhigen und verscheucht die flüsternde und raunende Angst. Sie kennt dieses wilde Tier, dass ihr den Mut rauben will, das sie gängeln und zurückhalten möchte und weiß. wie sie es bezähmen muss. Der Talisman liegt über dem Brustbein unter dem eng anliegenden Trikot.
Verlässliche Werkzeuge sind langjährige Erfahrung auf dem Seil und der bis in die letzte Faser durchtrainierte und biegsame Körper, dem sie blind vertrauen kann. Sie fasst das Ziel, die Plattform an der gegenüberliegenden Domspitze, ins Auge, misst mit den Augen die Entfernung. Der Weg ist nicht weit. Sie hat schon weitere Strecken auf dem Seil hinter sich gebracht. Nie aber hing das Seil in dieser Höhe.
Obwohl der Tag windstill ist, weht es in dieser Höhe. Tief einatmen, ruhig werden, Spannung halten, die Konzentration in die Füße lenken. Einen letzten Gedanken schenkt sie dem, was hinter ihr liegt und lässt es los.
Sie greift nach der Balancierstange, setzt probeweise einen Fuß auf das Drahtseil, horcht in sich hinein, wartet auf das Zeichen, das sie unmissverständlich auffordert, zu beginnen.

Sie hebt die Arme, sieht nicht, wie der Rhein ihr entgegenblinkt und die Schiffe gemächlich dahin gleiten. Für sie ist der Verkehr in der Stadt, auf den Brücken und im Hauptbahnhof ausgeblendet.
Ebenso geht es der Menschenmenge auf dem Platz, die nun gebannt nach oben schaut und den Atem anhält.
Für einen kurzen Augenblick schließt AURORA die Augen, öffnet sie wieder und tanzt los.
Sie spürt und tastet, während der innere Dirigent die alltäglichen Stimmen und Geräusche seinen musikalischen Formen unterordnet und AURORA die Einsätze gibt. Die Seiltänzerin ist ganz und gar in ihren Füßen verschwunden, die über das Seil gleiten und hüpfen, als sei es Asphalt, auf den die Kinder mit Kreide ein Hüpfkästchen gemalt hätten. Die Choreografie sitzt perfekt.
Beide Arme führen die Balancierstange gekonnt ausgleichend. Ihre Füße fühlen den Weg über das Seil.
Von unten schicken Menschen hoffnungsvolle Gedanken hinauf. Der Kardinal bittet alle Engel darum, helfend einzugreifen beim kleinsten Fehler und betet laut ein Stoßgebet.
Aber AURORA macht keinen Fehler.
Sie ist jetzt in der Mitte zwischen den Domspitzen angekommen und dreht sich einmal um sich selbst.
Ein einziger Schrei entringt sich der Menschenmenge unten.
Im Grau des Himmels hat sich ein blaues Fenster geöffnet.
Die Zeit scheint still zu stehen, während die Tänzerin Schritt für Schritt die Länge des Seils ermisst, ganz ruhig wie in Trance.
Als es geschafft ist und ihr Fuß die gegenüberliegende Plattform berührt und sie wieder festen Boden unter den Füßen hat, schickt sie ein stummes Dankgebet zum Himmel, bevor sie sich vor dem Publikum verbeugt.
Tosender Applaus und jubelnde Bravorufe wollen nicht enden. Ein Blasorchester spielt auf,
AURORA legt die Stange beiseite und wirft Kusshände in die Menge. Sie ist glücklich und beseelt und fühlt sich leicht. Dankbar verabschiedet sie sich vom Seil und zwinkert den Domspitzen zu.
Es ist ihr letzter Auftritt.
Ohne noch einmal zurück zu schauen, betritt sie den Aufzug nach unten.
(Inspiration für diese Geschichte war ein Foto. Darauf sieht man ein Stück der filigranen Zwillingstürme des Kölner Doms  in einen bleigrauen Himmel staken.)
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Alles nur Luftmaschen?

Luftmaschen, nichts als Luftmaschen, lose verknüpft, noch kein tragendes Netz – verkettende Schaumschläger – Windgeburten – vom Winde verweht! Den Boden unter den Füßen verloren – frei sein zu fliegen, wohin die Seele will.
Und die sollen von zwei Seiten mit festen Maschen stabilisiert werden? Eingefangen und umzäunt werden sie, wie wilde Pferde oder ungezügelte Wölfe.
Sonst wird das ja nichts!
„Trage die Nase nicht so hoch, Mädchen, du könntest stolpern. Und wer bitteschön, will schon ein gefallenes Mädchen?“sprachen die Ahnen.
„Hast du etwa vergessen, wie es dem „Hans guck in die Luft“ ergangen ist?“
Zum Glück fischten zwei Männer ihn aus dem Wasser. Die Fische lachten ihn aus, und seine Schulmappe, die schwamm mit dem Fluss davon. Aufgeweichte Blätter mit verschwommener Tinte. Ich denke an den „Fliegenden Robert“. Das war doch der, der mit dem Regenschirm davon flog.
Gefallene Maschen sind unschön, Luftmaschen allzu nachgiebig, aber wo sonst ist Platz für all die verrückten Ideen, die skurrilen Geschichten und bizarren Collagen?

Doch nur da wo Luft gelassen wird für verwunschene Träumer.

Es ist die Nacht, die…..

Eine Weile schon sitzt du am Schreibtisch. Es ist Nacht geworden. Langsam rücken die Zeiger vorwärts Richtung Zwölf. Vor dir liegt Papier, ja, immer noch schreibst du altmodisch auf Papier bevor du das Ergebnis in den Computer einspeist. Auf dem Papier siehst du ein Muster aus Punkten, Linien und Strichen, die zu Silben, Worten, Sätzen, Texten werden. Eng und Blau beschriebene Seiten übereinander gestapelt und sauber geschichtet.
Die Ellenbogen liegen auf dem Tisch. Die rechte Hand liegt neben der rechten Schläfe und hält noch den Füller.
In dir ist Ruhe eingekehrt. Noch einmal überfliegst du mit den Augen die geschriebenen Zeilen. Wunderst dich über das, was sich da heute aus dir heraus geschrieben und verdichtet hast, beinahe wie von selbst.
Du genießt die Stille um dich herum und die Dunkelheit draußen, die dich umhüllt. Regentropfen trommeln gegen das Fenster. Etwas rumpelt über den Bordstein. In der Ferne fahren noch Autos, ein Zug gleitet über die Gleise, ein Hund bellt kurz auf. Eine leise Stimme aus dem Haus gegenüber klingt hell.
Du liebst diese Stunde, die ganz allein dir gehört und in der du Abschied nimmst vom Tag.

Aber etwas fehlt noch…wenn du jetzt bleibst, wirst du ins Geheimnis der Nacht eintauchen dürfen. Sie wird den Zeilen Leben einhauchen… und plötzlich erheben sich Buchstaben und Wörter. Vor deinen staunenden Augen beginnen sie, Fleisch anzusetzen und in Bewegung zu geraten. Gesichter und Gegenstände steigen vom Papier zu dir hoch. Sie entwickeln sich. Vielleicht tanzen sie für dich, vielleicht nehmen sie dich an die Hand und führen dich in ein anderes Land, eine andere Zeit, eine fremde Landschaft, in einen Traum oder ein Märchen. Vielleicht führen sie dich in einen Garten, einen geheimen Garten… ganz gleich, was passiert, du tauchst ein in eine andere Welt.
Aber ist es wirklich eine andere Welt? Ist es nicht doch die Welt, die immer da ist, von der du tagsüber aber immer nur einen kleinen Bruchteil wahrnimmst? Ist es nicht so, dass viele verschieden Welten nebeneinander stehen, immer, und nicht einmal wirkliche Türen dich von ihnen trennen?

Es ist die Nacht, die dir ein Geheimnis verrät.

Winderwundernacht

Herbei gelockt, den Traum
ihn in die Nacht geboren
und in das Bett zwischen verschwitzte Laken
während draußen der Wind um das Haus tobt
und zu frühe Böller explodieren
Wer hat ihn geschickt?
Von wo kommt er?
Wie ich, warum, woher, wohin?
Aus den Tiefen der Nacht…
Von der glatten Ebene des Tages
die wie brüchiges Glas knarrt
auf der dunkle Wolken und Gedanken zersplittern
und der Traum, der am Morgen in sich zusammen fällt
es klirrt
spiegelnde Glassplitter für das wenige Licht
das sich zwischen das Himmelsgrau drängt
tausend lichte Augen, quirligen Funken gleich
die alles hell und leicht machen in meinem Kopf
und den nächtlichen Zweifeln die Trostlosigkeit nehmen.
Es lächelt der befreite Geist
und jubelt den frostigen Winden entgegen
allen Widrigkeiten zum Trotz!

An ein Geburtstagskind und für alle, die diesen Geburtstag teilen

Heute hast du Geburtstag. Zwar bist du inzwischen auf der anderen Seite, aber unvergessen leben die Wortgärten, in denen es duftet, schmeckt und blüht und die wir so gerne gemeinsam und mit anderen besucht haben.
Ein Tag wie heute, ROT überall ins Grün gewebt, ein prachtvoller Rausch, kräftiger noch unter dem Regenhimmel. Ich frage mich schon den ganzen Tag, was dieser rote Rausch in floralem Brokat mit denen macht, die in dieser Zeit geboren werden? Ich kann mich dem Rausch nicht entziehen, möchte selbst Brokat sein und im letzten Sonnenschein Feuerfunken senden. Oder dieses Rot in Flaschen auffangen, die an einem sonnigen Fenster immer noch glühen, wenn die Bäume kahlgefegt sind.
Ganz sicher war auch in dir ganz viel von diesem rotfarbenen Funkenflug.

GRÜN

das grüne mädchen lacht und springt über die wiese
hat über sich ein dach aus grünbefingerten zweigen
das grüne mädchen singt
und zwinkert heimlich der sonne zu
hinter ihm bizarre schatten im gras

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es war einmal ein frühling, der konnte vom knospen und treiben die nase nicht voll bekommen.
wie im rausch eilte er mit siebenmeilenstiefeln über das land.
er lockte die menschen hinaus und schmeichelte mit sanften winden.
er flüsterte vom grün und seine melodie wurde zum ohrwurm.
alles ging viel zu schnell.

das grüne mädchen möchte die zeit anhalten
doch es gelingt ihm nicht
es weint und klagt
denn weiße blüten fallen wie schnee auf sein kleid
in den zweigen pfeift der wind wie ein geist

Brot

Brot gegessen, aus vollem Korn
gestern frisch gebacken
mit dem Duft  in der Nase
jeden einzelnen Krümel geschmeckt
satt geworden
satt…
genährt
ruhig der innere Raum
still das ruhelose Tier
kein Knurren mehr
kein Wollen
einfach genug
das Sattsein genießen
und DANKE sagen
von ganzen Herzen
aus tiefster Seele

nicht jeder ist satt
und wenn dann
das Tier kommt
und immer größer wird
wenn es sich in die Eingeweide krallt
und an ihnen zerrt
wenn es zornig werden lässt
oder gebeugt und müde
wohin gehen mit den leeren Händen?
das Tier  lässt nicht
gibt keine Ruhe
es frisst dich auf
langsam übernimmt es die Macht
wird Herr  über dich
bis nichts mehr von dir übrig ist