Lieblingssätze 10

Satz 10

„Die junge Katze, die hier alles zum ersten Mal sieht, sie stand auf der Küchentreppe und witterte lange hinein.“

„Regenkatze“ von Sarah Kirsch (12.9.2003)

Mucksmäuschenstill schleicht sich Ida aus der Schlafetage die Treppe hinunter. Sie braucht kein Licht, findet den Weg blind. Ihre Füße tasten sich vorwärts. Die Erwachsenen dürfen sie nicht hören und sehen. Ida fürchtet, dass Mama schimpfen wird, wenn sie das Kind entdeckt. Es ist dunkel und Schlafenszeit. Im Haus sind die Stimmen erstorben. Nur die Uhr im Flur tickt laut. Aber es riecht so gut aus der Küche, nach Bratkartoffeln und Speck. Ida läuft das Wasser im Mund zusammen. Das späte Nachtmahl ist für die beiden Onkel bestimmt, die nach der harten Arbeit in Feld und Stall großen Hunger haben. Ida findet das ungerecht, sie muss sich abends mit einem Butterbrot begnügen. Heimlich hofft sie, dass in der Pfanne auf dem Kohleherd noch ein paar Schrieben geblieben sind, und die will sie jetzt naschen.

Jetzt hat sie das Ende der Treppe erreicht, ist im Flur angekommen. In der Küche brennt kein Licht mehr. Leise öffnet sie die Tür, geht zum Herd. Und tatsächlich, da ist noch ein Rest vom ausgelassenem Speck. Schnell in den Mund damit, Ida ist selig, und dann wieder zurück ins Bett.

Glück gehabt, niemand hat sie entdeckt.

Lieblingssatz 9

„fern und fremd singt ein lied in mir
tonfolgen anderer leben“ aus“Apfelbaum“ von Agnieszka Lessmann (Fluchtzustand)

Nie musste ich flüchten, doch oft bin ich geflüchtet vor den Tonspuren ferner vergangener Zeiten, die mir Heimweh bescherten.

Herausgerissen aus dem Dorf meiner Mutter und eingepfercht in die Stadt meines Vaters, hätte ich mir verloren gehen können, doch nun leben zwei Seelen in meiner Brust.

Meist vertragen sie sich gut. Oft kooperieren sie, aber manchmal, wenn die Geräusche draußen zu laut werden oder Menschenmassen überfluten, dann entstehen schmerzliche Dissonanzen. Schräge Geigentöne, zerrissene Saiten.

Ich stopfe mir die Ohren zu und leiste dem Apfelbaum vor meiner Tür Gesellschaft.

Lieblingssatz 8

„Ich höre ihre leise Stimme- lange Sätze voll Musik und Ruhe, wie ein Ruder, das in seinem Bogen über dem Wasser schwebt- tropfendes Silber.“

(„Fluchtstücke“ von Anne Michaels“

Lange Sätze hat meine Oma mit mir nicht gesprochen. Ich war zu klein. Aber die Melodie ihrer Stimme hat sich mir eingeprägt. Still, getragen und beruhigend.

Es gibt Stimmen, die ich nicht vergesse. An Stimmen erkenne ich Menschen auch nach Jahren noch wieder, während ich mir Namen nicht immer solange einprägen kann.

Im Gegensatz zum Alt meiner Oma ist meine Stimme der Sopran. Manchmal denke ich, hätten wir zusammen gesungen, es wäre ein Wohlklang gewesen.

Wenn ich an Omas Stimme denke, dann entsteht ein Bild vor meinem inneren Auge: Silberne Regentropfen die an einem Novembertag sanft und sacht in einen See tropfen, um dort Kreise zu bilden, die sich in die Unendlichkeit ausdehnen.

Lieblingssätze 7

„Oma spricht nicht. Sie schaut nur, während sich ihre Hände bewegen.“ (aus meinen eigenen autobiografischen Notizen)

Meine Oma starb, als ich 9 Jahre alt war. Meine ersten sieben Lebensjahre wohnte ich mit Mutter und Geschwistern in ihrem Haus. Sie hat nie viel gesprochen, aber nichts entging ihren Blicken. Fast immer waren ihre Hände in Bewegung, tätig, nebenbei aber unermüdlich. Nur wenn der Herr Pastor zu Besuch kam und sie beide, abseits des alltäglichen Trubels, im guten Wohnzimmer Platz nahmen, lagen die Hände gefaltet in ihrem Schoß. Ich lausche dem leisen Gespräch, ohne zu verstehen. Die Klangmelodie ihrer beiden Stimmen – meine Oma hatte eine schöne Altstimme- legte Frieden und Ruhe in den Raum. Ich fühlte mich behaglich und sicher in ihrer Nähe. Etwas Zeitloses lag im Raum während Staubkörner im Licht tanzten und ich am Esstisch saß und meine Hausaufgaben erledigte. Ich liebte meine Fibel und wollte immer weiter lesen. Das konnte ich zunächst aber nur laut. Oma mahnte mich, leise zu lesen.

Die Präsenz meiner Oma und ihre Stimme, die sich selten erhob, gaben mir Halt und Sicherheit, waren mein eigentliches Zuhause.

Lieblingssätze 6

„Nichts geht verloren in verwunschenen Hecken

lauschend, raschelnd im Dickicht, in der Watte der Stille.“

(Wilhelm Fink in einer Notiz an mich)

Das ist Essenz. Ich schmecke noch den Geschmack wilder Beeren auf meiner Zunge.

Wenn ich meinen inneren Garten betrete, ist es still. Nicht absolut still. Herzschlag und das Rauschen des Blutes in meinen Adern höre ich ja, solange ich lebe.

In den Hecken um meinen wilden Garten rascheln die Blätter. Bienen summen, Vögel zwitschern, höre ich unser helles Kinderlachen, Bruder. Zeitlosigkeit, das Hinausspringen aus dem Gefüge von Sekunden, Minuten und Stunden.

Du musst dabei gewesen sein, damals unter den Hollunderbüschen im Heckenrund. Für mich eine Laube des Glücks, ein geheimer Platz mit duftenden Blüten, dichtem Laub und schwarzen Beeren, die so herb schmeckten, dass mir übel wurde und ich alles ausspeien konnte, was mir schwer auf dem Magen lag.

An den Dornen blieb so manches Fädchen hängen. Den Blicken entzogen, mit mir allein selig. Aus Ästen und Zweigen wuchsen Geschichten und in die Blattachsen hängte ich meine Träume.

Du musst dabei gewesen sein, selbst ein Kind.

Verschobene Zeitebenen. Aber was ist Zeit, wenn doch in manchen Momenten alles gleizeitig zu sein scheint?

Ich glaube, die Heckenwesen sind findige und begabte Hexen und Zauberer. Sie bringen zusammen, was sich fügt. Sie halten alles fest, damit nichts verloren geht. Sogar uns, mit dem einstigen Kinderlachen.

Lieblingssätze 5

Ich schicke meine Hände

in Zettelkästen

so hält

mein Gedächnis dich aus

….

( „Flaschenpost“ von Margot Schroeder)

Zettelkästen, unzählige, notizenreich

Erzählfäden, Erinnerungen, Gedankenausschuss

Verborgen unten ein Zettel

mit Worten, die tief berühren

mich am unbekannten Ort abholen

Gänsehaut bescheren

nach so langer Zeit bist du nah

als sei dein Körper neben mir

und deine Seele fassbar

der wunde Punkt liegt bloß

blinde Flecken blitzen kurz auf

ohne, dass ich sie greifen kann

Noch verstehe ich nicht warum.

Lieblingssätze 4

Aus dem Buch „Jahre mit Martha“, das im Kölner Stadtanzeiger MAGAZIN vorgestellt wurde und nun auf meiner Buchliste steht. Autor: Martin Kardic´

„Meine Geschichte will ich erzählen, weil ich glaube, dass wir uns mehr Geschichten erzählen sollten über uns in diesem Land.“

Über mich und diese Stadt, möchte ich erzählen, in die ich aus dem ländlichen Paradies meiner Kindheit vertrieben wurde.

Krass ausgedrückt, aber so kam es mir damals mit sieben Jahren vor. Alles fremd, keine bekannten Gesichter. Ein Puppenhaus zum Leben, in dem es viel zu eng war, mit Mauern darum herum, aus denen meine Mutter mich nur entließ, um zur Schule zu gehen. Das Haus war nicht wirklich klein, hatte einen Garten und vor der Haustüre einen Weg, auf dem die Kinder aus der Straße sich treffen, miteinander spielen oder raufen konnten. Aber im Gegensatz zu dem Bauernhof auf dem Lande, mit den vielen Zimmern, Ställen, Hofgebäuden, Tieren, dem großen Garten, der Obstwiese, den Feldern und der lebendigen Dorfgemeinschaft war nicht nur mein Bewegungsraum eingeschränkt, sondern auch der Erfahrungsraum. Die größte Mauer aber war die Angst meiner Mutter, die mich vom Außen trennte. Es dauerte Jahre bis ich den Ausgang fand.

Lieblingssätze 3

„Und der Wind fing sich in den Rändern des Vorhangs an meinem Fenster. Dort hielt ich Wache, aufmerksam für das Kleine, das bei wachem Auge monströs und schön werden konnte.“ (Patti Smith: Traumsammlerin“

Wäre ich der Wind, so würde ich dir heute eine zärtliche Brise schicken. Du würdest mich auf deiner Haut spüren, dich heimlich daran erfreuen und vielleicht ein wenig Kichern, weil es kitzelt. Du würdest ein zartblaues Blatt Papier aus deiner Wunschkiste ziehen, ein zierliches Boot falten und es meinen Flügeln anvertrauen. Mit staunenden Kinderaugen würdest du hinterherschauen, wie es davon segelt. …

Du würdest selbst zum Boot werden, bereit eine große Reise ins Abenteuer zu starten. Und du wärest glücklich über mein Geschenk.

Denn es ist der Anfang von etwas, dass dich aus der Erstarrung löst und dir den Mut gibt, über dich hinaus zu wachsen.

Lieblingssätze 2

„Alle Familien haben ein Gedächnis, das über die Erinnerung des Einzelnen hinausgeht“ (Piccola Sicilia v. Daniel Speck)

Mariana öffnet die gläserne Tür hofft, dass diese sie zum Kern des Gebäudes führt. Das Haus, in dem sie sich bewegt , gleicht einem Labyrinth. Vertraut und fremd zugleich. Gefühle tauchen auf, vergehen wieder oder bleiben; klingen unangenehm nach, schmecken bitter. Die gläserne Tür führt in einen verspiegelten Raum. Zahllose Duplikate ihrer selbst; unterschiedliche Blickwinkel lauern und blenden. Wer ist sie? Wo geht es lang? Einem inneren Impuls folgend geht sie auf den Spiegel zu, der ihre roten Schuhe betrachtet.

Das Herz schlägt schnell, fürchtet sich vor dem Zerspringen.

Sie muss hindurch. Einzig fassbar die roten Schuhe, die Richtung anzeigen.

Lieblingssätze 1

„Es gibt Zeiten, in denen sich die Grenzen zwischen dem Ich und der Welt auflösen.“ („Piccola Sicilia“ von Daniel Speck)

Die Zeit wird zur Ewigkeit, verliert ihr Gefüge.

Schweigend steht Ina vor dem geöffneten Fenster und schaut in den Apfelbaum. Sie ist erschöpft, schließt die Augen. Nur die Ohren lauschen. Gesang in den Zweigen, Blätterrascheln im Wind, Taubengurren, spielende Kinder auf der Strasse, ein Mensch, der vorrübergeht und einen Rollkoffer hinter sich herzieht,…..

Sie verliert sich in Geräuschen und lässt von sich ab. Nichts steht zwischen ihr und der Welt. Alles wird eins, fließt und strömt im gleichen Rhythmus, tanzt zur gleichen Melodie.

Leise wird es und dicht. Schwerelosigkeit für einen langen Augenblick .

Bis Ina zurückkehrt in ihre Haut, Tauben und Wind wieder hört und das langsame Pochen des eigenen Herzens. Sie öffnet die Augen – erfrischt und erholt.