Lieblingssätze 7

„Oma spricht nicht. Sie schaut nur, während sich ihre Hände bewegen.“ (aus meinen eigenen autobiografischen Notizen)

Meine Oma starb, als ich 9 Jahre alt war. Meine ersten sieben Lebensjahre wohnte ich mit Mutter und Geschwistern in ihrem Haus. Sie hat nie viel gesprochen, aber nichts entging ihren Blicken. Fast immer waren ihre Hände in Bewegung, tätig, nebenbei aber unermüdlich. Nur wenn der Herr Pastor zu Besuch kam und sie beide, abseits des alltäglichen Trubels, im guten Wohnzimmer Platz nahmen, lagen die Hände gefaltet in ihrem Schoß. Ich lausche dem leisen Gespräch, ohne zu verstehen. Die Klangmelodie ihrer beiden Stimmen – meine Oma hatte eine schöne Altstimme- legte Frieden und Ruhe in den Raum. Ich fühlte mich behaglich und sicher in ihrer Nähe. Etwas Zeitloses lag im Raum während Staubkörner im Licht tanzten und ich am Esstisch saß und meine Hausaufgaben erledigte. Ich liebte meine Fibel und wollte immer weiter lesen. Das konnte ich zunächst aber nur laut. Oma mahnte mich, leise zu lesen.

Die Präsenz meiner Oma und ihre Stimme, die sich selten erhob, gaben mir Halt und Sicherheit, waren mein eigentliches Zuhause.

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