Wurzeln 4

Wurzeln, ineinander verschränkte Finger gefalteter Hände. Sie halten fest, stützen und bilden ein Netz. Ein Gebet für die Erde in die Tiefe getaucht.

Wurzelzehen krallen sich in die Erde und halten sie fest, dass sie nicht abhandenkommt und wir nicht den Boden unter den Füßen verlieren.


Etwas war über ihren schlaftrunkenen Körper gelaufen. Eine zarte, ja flüchtige Berührung kitzelte sie. Was war das?

Die Riesin erwacht.

Vorsichtig öffnet sie die verklebten Augen. Das Licht triff sie wie eine Keule. Schnell schließt sie wieder die Augen. Aber nicht schnell genug. Sie sieht, dass da gerade eine Frau mit zwei Kindern aus ihrem Blinkwinkel flüchtet.
Während sich die Riesin ihres Körpers erinnert und die eigene Haut als eine dicke, lederne Hülle spürt, beginnt sie sich aufzusetzen. Der Körper ist aufgedunsen und steif.  In den Gelenken knirscht es, so als seien sie ineinandergreifende Zahnräder, die Rost angesetzt haben.

Vorsichtig dreht sie den Kopf hin und her, schüttelte schließlich die langen, verfilzten Haare. Die Haut kribbelt. Die Riesin sieht an sich hinunter, registriert die kleinen Stichwunden, deren Oberfläche nun verkrustet ist. Was hat sie niedergestreckt und so lange schlafen lassen?

Gerade fühlt sie sich wie ein Berg, der mit der umliegenden Landschaft verschmolzen ist, und nun versucht, sich gegen die natürlichen Gegebenheiten aufzurichten und seine Form zu verändern. 

„Wo bin ich überhaupt?“ fragte sie sich und versucht sich zu orientieren. Inzwischen sitzend blickt sie auf eine grüne Wiese, die sich weit in die Landschaft erstreckt. Ganz fern am Horizont, nur als Silhouette erkennbar, zeichnet sich eine Gebirgskette ab. Eine kurze Erinnerung blitzt auf :
 „Von dort bin ich gekommen.“
Auf der Wiese stehen alte knorrige Obstbäume. Grüne, unreife Früchte hängen zwischen dem Laub in den Zweigen. Ein schöner Ort , um am Morgen zu erwachen.

Wie lange liege ich schon hier?“ fragt sie sich. Zum Erinnern muss sie erst richtig wach werden. Es ist, als müsse sie die Worte erst wiederfinden und einsammeln, die Riesin erinnert sich plötzlich an die Kinder. Sie sieht sich selbst mit einer Horde von ihnen um das Feuer tanzen, die Mädchen Blumenkränze im wehenden Haar, die Jungen Obstbaumzweige am Hut, erinnert sich an das Sonnenwendfest, dass alljährlich im Dorf zur Ehre der großen Mutter gefeiert wird. Nun denkt sie an das Dorf hinter dem Gebirge, in dem sie gelebt hat, bis zu jenem Tag, an dem sie mit der großen Wanderung begonnen hat. Wohin der Weg sie führt, das weiß sie noch nicht. Schritt für Schritt wird sie die Landschaften durchschreiten und kennen lernen. Noch weiß sie nicht, ob sie zu ihren Wurzeln zurückkehren wird. Vielleicht findet sie einen neuen Ort, um sich zu verwurzeln und zu beheimaten. Auch ihre Mutter ist in jungen Jahren gewandert.

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