EIN BLAUER WAL

Der Herbst stimmt melancholisch. Ich liebe Melancholie und jetzt gerade schlägt sie mir aus Worten, Sätzen, Erzähltem und aus der Natur entgegen. Manche Menschen halten inne, lauschen ihrer eigenen Geschichte, ahnen die Vergänglichkeit aller Dinge. Ein Hauch von Sterben vereint sich mit dem Geruch der fallenden Blätter und dem Pilzgeruch des nahen Waldes.
Ich habe heute meine Wohnung verlassen und war überwältigt von dem leuchtenden Rot des wilden Weins, den Orangetönen der Felsenbirne und dem fahlen Gelb gefiederter Blätter, die sich schon der Erde entgegen zu strecken scheinen.So viel Fülle, ganz meins, herbstlich gestimmt wider dem Signalrot und Neongrün in den Städten.
Ich liebe Farben. Je mehr um so besser, auch Wolle in allen Regenbogenfarben. Mit der Zeit hatte sich einiges angesammelt, was vom Handarbeiten übrig geblieben war. Was nun mit den Resten anfangen? Sie zu verwerten oder aufzubewahren für kommende Zeiten, liegt mir nicht. Im Herbst leere ich Schränke und Regale, Körbe und Behältnisse, Schachteln und Mappen.
Da erinnerte ich mich an Frau Lillac, die aus allen Resten und Überbleibseln etwas Besonderes fabrizierte und gerade das sie reizte, was andere weggeworfen hatten oder dass sie mit keinem Blick zu würdigen bereit waren. Bei mir selbst nannte ich sie respektvoll Frau Füllhorn. Vor vielen Jahren hatten wir oft miteinander diskutiert und debattiert. Es ging um den sparsamen Gebrauch von Ressourcen. Frau Lillac gehörte noch zu einer Generation, die ohne Überfluss aufgewachsen war, und Dinge so lange wiederverwertet, aufbewahrt und umfunktioniert wurden, bis sie auseinanderfielen und wirklich nicht mehr zu gebrauchen waren.
Ich hingegen gehörte zu jenen, die nicht genug bekommen konnten, weil ja immer alles da war. Inzwischen denke ich anders über diese Dinge und habe mehr Verständnis und Respekt vor Frau Lillacs Lebenseinstellung. Ich bin älter geworden.
Jedenfalls packte ich kurzentschlossen den Korb mit Wollresten voll und legte den Zettel mit der Bitte, eine Geschichte daraus zu stricken oben auf und stellte ihn vor ihre Haustüre.
Einmal, es wird wohl zehn Jahre her sein, nahmen wir beide an einer Kreuzfahrt in den Norden teil. Wir lernten uns auf dem Schiff etwas besser kennen. An einem Nachmittag sahen wir auf dem Meer einen blauen Wal und waren total begeistert.
Einstweilen erzähle ich nicht mehr von mir und lasse einer Geschichte in der Geschichte ihren Lauf. Ob Frau Lillac wohl herausfindet, wer ihr den Korb vor die Türe gestellt hat? Und wird sie es schaffen, aus meiner Wolle eine neue Geschichte zu stricken?

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