1. Sonntag im Februar

Ein heller Tag ohne Schnee ist erwacht.
Schwarz wie Ebenholz staken Baum, Ast, Zweig ins Weiß. Wo versteckt sich das Licht, das den Himmel tüncht mit Kalk?
Still ist es, selbst die Vögel bleiben aus.
Nur meine Gedanken brummen, als sei mein Kopf ein Bienenkorb kurz vor Frühlingsbeginn, wenn es wärmer wird und das erste Ausschwirren nach Nektar bevor steht.

Morgen werde ich mein Denk-und-Dichterzimmer einrichten nicht hier…. bei Mama, die bald zweiundneunzig wird.
Weiß wird es sein, wie ungeschriebenes Papier mit etwas Grün hier und da.
Dort will ich mich besinnen, konzentrieren, erinnern und sammeln, um festzuhalten, zusammenzuhalten, zu speichern und zu kreieren.
Spartanisch: eine helle Schlafcouch, ein weißes Bücherregal, ein weißer Schreibtisch, Laptop, Kästen zum Sortieren aus Holz, Magnettafel, Bildleisten, die noch leer sind, keine Gardine, die den Gartenblick verschleiert.

Ich werde nicht immer dort leben, aber immer mal ein über die andere Nacht und wenn es nötig ist auch mehr.
Auf den weißen Wänden wird etwas wachsen. Während ich schreibe, sehe ich einen weitverzweigten Baum darauf.

Mama ist alt und gebrechlich, aber noch klar bei Sinnen und stur, wie viele ältere Menschen. Sie hat viel zu erzählen und sie ist zuviel allein in ihrem leeren großen Haus, aus dem sie nur wenn nichts mehr geht, ausziehen will.
Ich verstehe das.
Wenn sie erzählt, die Erzählfäden dicht und verfilzt werden, sich verwirren und ich nicht mehr folgen kann und sie nicht zu stoppen ist, dann brauche ich Abstand zu ihr in meinem eigenen Raum in ihrem Haus. Sie weiß das. Ich habe es ihr gesagt, und sie hat es verstanden, auch wenn das Gehör nicht mehr so will.

Längst geht es nicht mehr um die Worte, nicht um verbale Verständigung. Die Worte sind Begleitmusik der Bilder die vor ihrem inneren Auge auftauchen aus einer langen, ereignisreichen Lebensgeschichte. Wichtiger sind Gesten und Mimik, Wärme und Geborgenheit, die entstehen, wenn jemand da ist,das Haus sich wieder mit Leben füllt und die eigene Einsamkeit ein Gegenüber hat: eine stille Umarmung, Lächeln, das Händehalten und Kümmern.

Ich fürchte mich ein wenig vor dieser Herausforderung, bin aber auch neugierig, wie sich alles so gestalten wird, dass es echtes, ehrliches Miteinander wird, eine liebevolle Begleitung der letzten Lebensphase eines alten Menschen, der meine Mutter ist. Wird eine Balance zwischen Geben und Nehmen gelingen, werden Abgründe überwunden, familiäre Disaster, verarbeitet?

Während ich geschrieben habe, ist es heller geworden. Das Weiß nicht mehr Kalk, ist jetzt weicher mit etwas Blau gemischt. Das ROT fand mein Blick in der Hecke gegenüber, die letzten von den Amseln verschonten roten Beeren.

Weiß wie Schnee der Himmel, schwarz wie Ebenholz die Zweige und ROT wie Blut, die letzten Beeren.

Schneewittchen lässt grüßen.

3 Gedanken zu “1. Sonntag im Februar

  1. Genieße diese Zeit und nimm sie wahr. Ich habe es getan. Meine Eltern sind auch sehr alt geworden. Sechs Jahre habe ich sie rund um die Uhr betreut. Und ich habe in den anderen Jahren des gemeinsamen Lebens nicht die Hälfte von dem erfahren, was sie mir in den letzten Jahren so erzählt haben….. Diese Jahre waren für mich das größte Glück…

    Herzlichst, Rachel

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