Zuhause

Mein allererstes Zuhause gibt es nicht mehr. Gemeinsam mit Eltern und Geschwistern verließ ich das Elternhaus meiner Mutter mit sieben, um fortan am Rande der Großstadt zu leben. Dort gab es neue Häuser und Arbeitsplätze. Viele Sommer bin ich in das Dorf meiner Kindheit  zurück gekehrt, um mich am Vertrauten zu erfreuen und letztendlich am alltäglichen Einerlei zu reiben. Mit siebzehn war auch das vorbei. Ich wollte nicht mehr und verbrachte die Sommerferien fortan fern der Familie. Ab und zu besuchte ich mein Heimatdorf, aber immer seltener und wenn ich da war, gehörte ich nicht mehr dazu. Ich hatte mich entfremdet. Oder hatte man mich entfremdet? Ich wurde nicht mehr in die Pflicht genommen, die Fremdengäste zu bedienen oder den Abwasch von fünfzig Mittagessen zu beseitigen.
Meine Tanten, die dort lebten und arbeiteten wurden alt. Ein Abgrund lag zwischen mir und ihnen, der nicht mehr mit Worten oder Gesten zu überbrücken war, aber wir taten so, als würden wir uns lieben, als seien familiäre Bande ewig unantastbar.
Eigentlich aber liebte ich das Haus mit seinem Garten, dem Kellergewölbe, dem Dachboden, den ich nicht betreten durfte. Vor allem aber liebte ich die Erinnerung an meine Kindheit an diesem Ort, die mir wie ein Märchen erschienen. Die Mitbewohner kamen darin nur am Rande vor. Es waren die kindlichen Träume, der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen spezifischen Gerüchen, Ritualen, Tätigkeiten und Abläufen. Noch heute erinnere ich mich an den Geruch nach roten Bohnerwachs, mit dem die Holzdielen gepflegt wurden. Auch der Duft nach Heu auf dem Boden oder die tierischen Ausdünstungen aus den Ställen sind mir nicht entfallen.
Bis heute frage ich mich, warum die Menschen in diesem Haus für mich Vorrübergehende waren, an die ich mich zwar erinnere, die ich aber nicht vermisse.
Irgendwann starb auch die letzte Schwester. Zunächst wurde das Haus vermietet und vor zwei Jahren riss man es ab. Was mir geblieben ist, die Sehnsucht nach dem Ländlichen, das Leben mit den Jahreszeiten, die Verbundenheit mit der Natur und allem, was wachsen will und darf.
Mein zweites Zuhause gibt es noch, aber den Ort, an dem es steht, verachte ich. Ich muss mich immer wieder überwinden, dorthin zurück zu kehren, um mich um meine alte Mutter zu kümmern.
Der Ort an dem ich jetzt seit dreiundzwanzig Jahren lebe, ist nun mein wirkliches Zuhause. Wie wichtig es mir ist, spürte ich im letztem Jahr, als ich es beinahe verlor. Zum Glück ist es geblieben, und deshalb schaffe ich mir nun hier eine kleine ländliche Oase in meinem wilden Garten. Das tut mir gut und schafft Verbindung zu meiner Kindheit.
Ach, ich habe ja noch eine Art Zuhause gefunden. Ein kleines Dorf in der Vulkaneifel, in dem eine Freundin überwiegend lebt. Dort fahre ich so oft ich kann hin.
So habe ich mir das Dörfliche über die Jahre in mein städtisches Leben hinein geholt und die Landschaften meiner inneren „Heimat“ versöhnt.

Felicitas Sturm

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Zuhause ist doch eigentlich nur der Ort, vor dem man als erstes davonlaufen wollte.
Dann ist man endlich alt genug. Und flieht. Weit weg. Um endlich das Gefieder schütteln und die Flügel weit ausbreiten zu können.
Um endlich fliegen zu können.
Und wie man fliegt!
Ordentlich auf die Fresse.

Freiheit ist so schön.
Heimtückisch. Gefährlich. Anstrengend.
Und schön.

Die Sicht auf die Dinge ändert sich, von außen betrachtet.
Und dann kommt der Moment, in dem man wieder zurückkommt.
Nach Hause.
Das erste Zuhause.

Läuft an Blumentöpfen mit Paprikapflanzen vorbei, die doch schon immer dort gestanden hatten, aber selten interessant gewesen waren. Die Katze zuckt zur Begrüßung mit den Ohren, als wäre man nie fort gewesen. Der Kuchen wartet noch an derselben Stelle darauf, gegessen zu werden.

Noch immer sitzen die alten Vorwürfe, gemeinsam mit den verletzten Gefühlen, gemeinsam mit der Wut und der Enttäuschung, am Tisch.
Doch irgendwie werden sie…

Ursprünglichen Post anzeigen 40 weitere Wörter

8 Gedanken zu “Zuhause

    • Das freut mich. Ich stelle fest, die Beschäftigung mit dem Thema Heimat, Beheimatung, Verwurzelung stellt sich mir immer wieder neu. Eigentlich logisch, folgt man der Idee, dass Leben sei eine Reise. Mit jedem Schritt vorwärts ändern sich die Blickwinkel.wieder anzunähern

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      • Mir geht es ähnlich. Ein Thema mit dem man sich lange beschäftigen kann und das mit dem vergehen der Jahre immer wieder neu gesehen wird und sich weiter entwickelt.

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  1. Ich fühlte mich an den Ort meiner Kindheit, an das Elternhaus meines Vaters erinnert, in dem ich viele schöne Stunden mit Verwandten aller Art verbrachte. Großvater und seine vielen Geschwister, meine Großtanten- und Großonkel bis hin zu diversen Cousinen.
    Irgendwann wurde alles abgerissen und der kleine Garten meines Opas fiel neuem Bauland zum Opfer.
    Aber auf alten schwarz-weiß Fotos wird meine Erinnerung wieder lebendig….

    LG
    Anna-Lena

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  2. Vielleicht Mitzi, ist es ja von Vorteil den Standort Heimat immer wieder neu zu bestimmen. Ich hatte lange einen sehr verklärten Blick auf die ersten Jahre meines Lebens in diesem Ursprungshaus. Ich will die schönen Erinnerungen, und die Basis, die ich dort für mein Leben erhalten habe, nicht schmählern, aber dieser verklärte Blick ließ lange nicht zu, auch die Schattenseiten ohne schlechtes Gewissen zu betrachten. So blieb das Bild immer unvollständig. Es war in sich selbst unscharf und diffus. Dass ich heute sagen kann, ich fühlte mich an jenem Ort sicher und geborgen, obwohl ich Zweifel an der Zugehörigkeit zu den Menschen, die mich dort umsorgten hatte, ist das Ergebnis meiner bisherigen Reise zum Thema Heimat. Da ist ein Fenster aufgegangen und plötzlich stellt sich Leichtigkeit ein.

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    • Beinahe hätte ich mein Zuhause verloren. Erst im Wissen um einen möglichen Verlust, habe ich gespürt, wie sehr ich an diesem Zuhause hänge, wie sehr es in mein Leben hinein gewebt ist. So sehr, dass ich begonnen habe, zu kämpfen, um es mir zu erhalten. Vorher wollte ich oft von dort fliehen.

      Gefällt 1 Person

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