Spurensuche, Claire sucht Marie(2)

Tag 2

Liebe Marie,
nun bin ich schon seit gestern in deiner Wohnung. Ich schaukelte in der Hängematte und versuchte, mich an dich zu erinnern. Mir war, als habe ich etwas Wichtiges übersehen. Ich grübelte, aber mein Kopf streikte. Er reagierte mit Schmerz – ein spitzer Schmerz, der im Nacken begann und sich wellenförmig nach oben in den Schädel ausweitete. Zum Glück fand ich in deiner Hausapotheke eine Tablette. Rostig verfärbt sprudelte das Wasser aus dem Hahn. Ich ließ es lange laufen, bevor es klar wurde. Um mich abzulenken  schaute ich – wie immer – deine Post durch. Dabei fiel mein Blick auf einen zartblauer Brief mit dem Vermerk „eilt“. Der unverklebte Brief kam von weit her. Ihn zierten Briefmarken mit exotischen Blumen. Die klare Handschrift auf dem Umschlag war mir sympathisch und ließ sich gut lesen. Ich öffnete den Brief. Ein Foto fiel heraus. Und mit ihm dünne, eng beschriebene Bögen.
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich das Foto eines Menschen – ein Alltagsfoto, schwarz-weiß –  jemals zuvor so stark berührt hat. Laut und ungestüm klopfte mir das Herz. Was war mit mir los?
Ich will dieses seltsame Gefühl ausloten und bis zur Neige auskosten: Ich lege das Bild wie einen Talisman unter dein Kopfkissen, auf dem ich schlafen werde heute Nacht – nehme es mit als Pfand für die Träume . Wer weiß, welche Antworten ich morgen finde. Alles fließt – ich muss nichts übereilen – was geschehen soll, wird geschehen. Den Brief werde ich morgen lesen.

Seltsam getröstet, Claire

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