HAUSIEREN GEHEN

Nichts, da ist nichts.
Die Leere ist vollkommen frei von Farben, von Geräuschen, von Handlung.
Die Gedanken schweigen.
Für einen Augenblick steht die Zeit still
von keinem Rahmen gehalten oder eingefasst.

Weiß, watteweiß
Nebel, Schlieren
Nur langsam gewöhnt sich das Auge daran
während die Ohren lauschend den Raum zu erkunden versuchen.
Es dauert!
Atmen, Ausatmen, Atempause, Atmen…
die Zeit mit Atemzügen messen
ruhig werden, die Stille annehmen, abwarten

Eine ungeduldige Stimme meldet sich zu Wort:
„Was soll das nun, mir wir ungemütlich.“
Angst hat einen besonderen Geruch.
„Was kommt nach der Stille, nach der Leere? Auflösung?“

Die Nebelschleier wabbern auf und nieder.
Ab und zu ein Hauch von Farbe wie ein Versprechen
Aus der Tiefe hangelt sich ein Klang nach oben
Zunächst leise, kaum hörbar
lauter werdend
Volumen gewinnend
die Stille verdrängend

Der Klang erreicht ihren Körper
brandet an Menschenhaut
wie eine klingende Welle, die am Ufer strandet
oder an dem Stein
mit dem sie fast verwachsen ist
der sie festhält
an den sie sich klammert
Unverrückbar ist er
tief verwurzelt im erdigen Grund
den sie nun unter ihren Füßen spürt
warm, sandig, rau
und der Traum…

Sie trägt einen Koffer bei sich. Immer schon?
Sie weiß es nicht mehr.
Er wurde schwerer mit jedem Tag, an dem ihre Füße Schritt für Schritt den vorgegebenen Weg abtasteten, das weiß sie.
Wie ein Bleilot zieht er ihre Arme in die Länge.
Heute betritt sie einen großen Saal. Menschen, die sie kennt sitzen einzeln und zu losen Gruppen formiert an unbedeckten rohen Biertischen.
Marie geht von Tisch zu Tisch, stellt den Koffer ab, öffnet ihn, preist den Inhalt an.
Niemand nimmt ihr etwas ab.
Die darin enthaltenen ihr wertvollen und wichtigen Besitztümer verlieren an Glanz mit jedem Kopfschütteln, mit jeder Ablehnung, die ihr entgegen brandet.
So geht sie von Raum zu Raum, fühlt sich wie ein Hausierer.
Immer schwerer wird der Koffer mit jedem Schritt und Marie verzweifelter. Warum will niemand etwas?
Die Verzweiflung schlägt um. Sie wird wütend. Aufbrausend betritt sie den nächsten Raum.
Sie schmeißt den Koffer mitten in den Raum. Der Inhalt ergießt sich über den Fußboden.
„Sollen sie doch darüber trampeln mit ihren großen Füßen.“ flüstert Marie, sich selbst verachtend. Sie will nichts mehr behalten.
Im Raum ist es totenstill geworden.
Niemand spricht.
Entrüstete Blicke treffen sie.
Mit wehenden Schürzenzipfeln eilt ein dienstbeflissener Kellner auf sie zu:
„Gute Frau, das geht aber nicht. Ich muss sie bitten, sofort alles wieder einzusammeln. Ansonsten bekommen sie hier Hausverbot.“
Seine Stimme ist streng und ernst. Sie duldet keinerlei Widerspruch.
Marie geht auf die Knie und sammelt alles wieder ein, schließt den Koffer, schultert ihn und geht.
Sie verlässt das Haus mit der Bürde, die ihr Kreuz ist und die niemand ihr abnehmen will.
Sie wird sie weiter alleine tragen müssen.

Nur eine kleine Goldmünze aus dem Koffer hat sich im Schatten eines Stuhlbeins versteckt.
Nico krabbelt über den Boden und findet etwas Glänzendes. Er nimmt es in seine kleinen Hände.

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