Post an den Traumtänzer

Hallo Traumtänzer,

es ist so viel geschehen heute, lieber Freund. Wo soll ich beginnen? Erst einmal war da dieser Frosch, der mir über den Weg lief und den ich fast mit meinem Fahrrad überfahren hätte. Zum Glück sah ich ihn so rechtzeitig, dass ich noch bremsen konnte. Dabei kam ich ins Schlingern, denn jemand hatte eine Bananenschale auf die Straße geworfen. Ich kippte um und verhedderte mich in der Kette. Eitel, wie ich war, hatte ich ja unbedingt meine neue weite Hose – orangerot mit lila Punkten – anziehen müssen, ohne Klammern versteht sich. Die Luft war lau und wohin ich auch sah, überall brachen die Blüten auf.
Nun saß ich also mit dem schmerzenden Hinterteil auf der Straße und hing mit der Hose in der Kette. Die grüne Haarspange war verrutscht und der lange rosa Seidenschal hatte sich heimlich davon gestohlen. Für einen Augenblick haderte ich mit dem Schicksal, doch dann begannen meine Finger damit, die Hose vorsichtig aus den Gliedern der Kette zu befreien. Plötzlich hörte ich ein Lachen, erst ganz leise, doch es wurde immer lauter, bis es in meinen Ohren schmerzte.
Ich schaute auf: ein Riesenfrosch stand vor mir. Für den Augenblick war ich perplex und dachte, einer Fatamorgana aufgesessen zu sein. Ja ich fragte mich tatsächlich nach meinem Verstand.
Vielleicht hatte sich ja von jetzt auf gleich ein Abgrund zwischen mir und meiner Welt geöffnet, in den ich hineingefallen war, denn in meiner normalen Welt gab es keine grünen Monsterfrösche, die mich unverdrossen auslachten. Du kennst mich ja. Aurora hat weder vor dem Hochseil noch vor sonst etwas Angst. Ich wurde wütend und schrie den Frosch an:

„Du verdammtes Ungetüm, verschwinde aus meinem Blickfeld, oder ich hau dir eins über die Rübe.“
und schon hielt ich den kleinen bunten Sonnenschirm, den ich manchmal auf dem Seil zum Balancieren benutze, in der Hand und drohte mit der Spitze. Ein wenig, das muss ich zugeben, kam ich mir vor, wie ein weiblicher Don Quichotte, der vor hat, mit den Windemühlenflügeln zu kämpfen.

Meine verbale Attacke verfehlte ihr Ziel, denn der Frosch war nun groß wie das Hochhaus im Nachbarort mit den fünfundzwanzig Etagen, das von weitem aussah, wie ein Risenzeigefinger, der gleich in Wolke Nummer sieben stechen wird, um sie zum Platzen zu bringen, und dem es völlig gleichgültig bleibt, wer da oben liebesverschlungen gerade sein Bett gefunden hat.

Meine Stimme erreichte die Hörvorrichtungen des Frosches nicht, denn ich war ja unten am Boden, inzwischen aus der Kette befreit und aufgerichtet, aber eben klein. Ich hörte ihn noch immer lachen, und das Lachen war so mächtig, dass die Bäume mit ihrem frischen Laub sich hin und her bewegten, als sei ein Sturm aufgezogen. Aber mit einem hatte der Frosch nicht gerechnet, denn er konnte mich ja nicht mehr sehen. Ich stieß die Spitze des Schirms in seinen Bauch und es macht Pftt!

Der Frosch sackte in sich zusammen und seine Plastikhaut begrub mich unter sich.
Zwar dauerte es eine Weile, bis ich mich schirmrudernd aus dem grünen Gespinst befreit hatte, aber zum Glück hatte der Frosch nur aus Luft bestanden.
Ich schmunzelte, als ich am Boden eine kleine Krone mit Perlen auf den Zacken fand, die ich als mir zustehender Lohn, in meine gehäkelte Hippie-Tasche mit den regenbogenfarbigen Rosetten steckte.
Ich nahm mein Rad und schob es nach Hause, stellte es in den Keller und beschloss, es mir für heute bei Schokolade mit Sahne und Keksen gemütlich zu machen.
Doch was war das? Im Badezimmerspiegel sah meine Haut so grün aus und die Haare erst. Sie ringelten sich wie grüne Schlangen aus der Haarspange heraus.
Ich fühle mich kerngesund, und werde jetzt kein Drama daraus machen. Vielleicht ist der Spuk ja morgen, wenn ich aufwache, endgültig vorbei. Bitte denk an mich und drücke mir die Daumen.

Es grüßt dich deine Aurora

die heute auf dem Hochseil der Fantasie spazieren gegangen ist.

Ein Gedanke zu “Post an den Traumtänzer

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