Nachtfarben

Die Dunkelheit breitet sich schnell aus im Haus. Marie sitzt in ihrem Sessel, die Knie unter das Kinn gezogen und versucht zu sehen. Die Dunkelheit ist nicht tiefschwarz, denkt sie bei sich, denn sie sieht viele Nuancen von Grau. Je intensiver sie schaut, je mehr sich ihre Augen schärfen, um so mehr sieht sie: hier ein schüchternes Blau; dort ein vorwitziges Rot; Rahmen, die Bilder an den Wänden zusammenhielten, schälen sich aus dem Grau. Ein suchender Scheinwerfer von draußen, der sich durch die weiße Gardine ins Haus hinein schmuggelt, um die Wände abzutasten und Schattenrisse zu werfen. Und noch mehr geschieht: Marie hört viele kleine Geräusche, die sonst an ihrem Bewusstsein vorbei laufenn: das Tröpfeln der Heizung; ein Auto, dass vor dem Nachbarhaus hält; ein Hauch von Lachen aus der Welt draußen, heiseres Husten, fern ein Hund der bellt, Musik, die plötzlich lauter wird und wieder verschwindet, Wind im Baum vor dem Haus. Die Vögel sind längst zur Ruh gegangen. Marie kuschelt sich ein in die Geborgenheit der Nacht. Hier ist sie sicher.

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