MARIENALTAR

Ein Foto, dass ich vor ein paar Tagen gesehen habe, geht mir nicht aus dem Kopf. Zwischen Feldblumensträußen vor einer buntgestalteten Wand, vielleicht war es auch eine Nische, stand eine kleine Madonna mit gefalteten Händen und im blauen Gewand. Offensichtlich handelt es sich um einen Maienaltar, an dem Maria, die Muttergottes verehrt wird. Das Foto hat etwas tief in mir Verborgenes berührt. Als ich Kind war in einem kleinen Dorf, nahmen mich meine Mutter und die Tanten mit zur Maiandacht, die alltäglich im Mai am Nachmittag in der kleinen Dorfkirche mit dem wundervollen Barockaltar stattgefunden hat. Der Seitenaltar wurde aus diesem Anlass liebevoll mit Blumen aus Wiese und Garten und vom Feldrain geschmückt. Zu Ehren Marias, der Mütterlichen, die gerade für Frauen mit allen Nöten um Schwangerschaft, Geburt, große und kleine Kinder, Ehe und Familie erste Anlaufstelle war, versammelten sich die Dorffrauen zu Dank-und Bittgebet und dem Gesang von Marienliedern. Ihren Segen erbaten sie und die Weitergabe von Bitten und geheimen Wünschen.
Maria, die Frühlingsgöttin, die ganz archaisch auch gleichgestellt mit der Erdmutter oder der großen Mutter gesehen werden kann, deren besondere Fürsorge den Frauen gilt, war die ideale Vermittlerin von Anliegen, die nur ein göttlicher Geist noch zu richten vermochte.
Im Verlauf meines Lebens entfernte ich mich weit von den römisch-katholischen Grundlagen, mit denen ich aufgewachsen bin, nicht aber von den spirituellen Wurzeln.
Dieses eine Foto beleuchtet wohl jene innere zärtliche Ecke in mir, die immer noch Maria gehört. Und so darf und soll es auch bleiben. Mein Zweitname ist schließlich Maria.
Ich bekam  ihn von meiner liebevollen und lebendigen Patentante, die in dieser inneren Nische gleich neben der Muttergottes sitzt. In unserer verzweigten Familie war sie die große Mutter, denn sie war immer da, wenn
geboren wurde, eine Mutter im Wochenbett oder Krankenhaus lag oder Feste wie Taufe, runde Geburtstage, Kommunion und Hochzeiten anstanden. Sie hatte das große Vertrauen aller Nichten und Neffen, die ihr gern etwas anvertrauten, was die Eltern nicht wissen oder über das sie mit den Eltern nicht sprechen konnten. Und was wir ihr erzählten, es blieb auch bei ihr.
Unsere Zuneigung hat sie für die eigene Kinderlosigkeit entschädigt, und im Advent glich ihr Zimmer einem Warenlager, denn sie beschenkte mit kindlicher Freude alle ihre „Kinder“.
Ich glaube, ich werde mir einen kleinen Marienaltar einrichten, eine kleine Ecke in meinem Zimmer, die mich mitten im Alltag immer mal wieder an ein meditatives Innehalten erinnert.

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