Die zugeschlagene Tür

Ana steht vor der verschlossenen Tür. Sie hat sie selbst zugeschlagen, fassungslos vor dem, was sie gesehen und gehört hatte. Schon lange war sie nicht mehr klein, hatte viele Namen ausprobiert und sich nun einen zugelegt, mit dem sie sich wohlfühlte.
Wenn nur jemand sie beim Namen gerufen hätte, damals, sie wäre schneller ans Ziel gekommen.
Mühsam hatte sie den Abgrund zwischen SEIN und SCHEIN irgendwie überbrückt. Die Brücke, schon mehrmals eingestürzt, wieder geflickt und aufgebaut, war inzwischen aus massiven Steinen errichtet, die standfest blieben, auch wenn zwischen ihnen Löcher blinzelten und nicht alle Steine gerade standen.
Eigentlich hätte sie zufrieden sein können. Doch es nagte noch immer, und fraß sich zeitweise durch ihre Haut nach außen. Da waren immer noch Reste. Fragen über Fragen, die nach Antworten verlangten.
Was sie an diesem Morgen in den Abgrund schauen ließ, war die Einsicht, wie einfach es war, Geschichten aus der Erinnerung zu verfälschen. Sie war doch auch dabei gewesen. Ihre subjektive Sicht auf die Geschehnisse war eine andere. Es war ihr bewusst, dass Menschen Erinnerungen beschönigen und verändern, um sich selbst gerade zu rücken oder um vor sich selbst bestehen zu können. Verdrängungsmechanismen funktionierten perfekt. Nur jetzt, war sie zutiefst selbst betroffen. Es ging nicht darum, Recht zu haben, eher darum mit der eigenen subjektiven Empfindung gehört und akzeptiert zu werden. So weit, wie in diesem Fall an einem besonderen Morgen von jemand anderem erzählt, hatte sich eine Geschichte noch nie von ihr selbst entfernt. Das raubte ihr die Fassung.

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